• Weitere Finanzierung der Strecken nach Schöneiche/Rüdersdorf und in Strausberg unsicher - Bus würde billiger fahren

Berlin : Weitere Finanzierung der Strecken nach Schöneiche/Rüdersdorf und in Strausberg unsicher - Bus würde billiger fahren

Claus-Dieter Steyer

Wieder einmal brauen sich in diesen Tagen dunkle Wolken über Brandenburgs Landstraßenbahnen zusammen. Das Geld der alle am östlichen Berliner Stadtrand gelegenen Kommunen Strausberg, Schöneiche und Rüdersdorf sowie der Landkreise Märkisch-Oderland und Oder-Spree reicht für einen Betrieb auf derzeitigem Niveau kaum noch aus. Vor allem die Straßenbahn durch Strausberg steht vor einer drastischen Reduzierung ihres Angebotes, sogar eine völlige Stilllegung wird nicht mehr ausgeschlossen. Möglicherweise kann die Bahn nur tagsüber verkehren.

Die nackten Zahlen sprechen aus wirtschaftlicher Sicht schon lange gegen eine Straßenbahn außerhalb großer Städte. Denn dort fehlt einer der wichtigste Einnahmeposten in den Bilanzen: eine ausreichende Zahl von Fahrgästen. Täglich müssen auf einer Strecke mindestens 5000 Karten verkauft werden, um einigermaßen rentabel zu sein. Nach Schöneiche und Rüdersdorf sind es maximal 3000 Fahrgäste täglich, in Strausberg zwischen 4000 und 5000. Eine starke Zunahme an Fahrgastzahlen ist auf beiden Strecken nicht zu erwarten. Deshalb wird das Defizit größer, während den Kommunen und Landkreisen weniger Geld für den Nahverkehr zur Verfügung steht.

Obendrein besitzen die Straßenbahnen im Vergleich zum Bus von vornherein erhebliche Nachteile. Während Busse auf öffentlichen Straßen verkehren, deren Unterhaltung aus anderen Kassen gedeckt wird, müssen die Straßenbahnbetreiber den Gleiskörper selbst instand halten. Der in der Kreisverwaltung Märkisch-Oderland für den Öffentlichen Personennahverkehr zuständige Sachgebietsleiter, Jürgen Kürger, macht eine einfache Rechnung auf: Ein Kilometer Busfahrt kostet insgesamt 3,80 Mark, ein Kilometer Straßenbahn zwölf bis 15 Mark. In Strausberg beträgt die Streckenlänge knapp sechs Kilometer, vom S-Bahnhof Friedrichshagen nach Rüdersdorf sind es 15,4 Kilometer und vom S-Bahnhof Rahnsdorf nach Woltersdorf 5,6 Kilometer. Letztere Linie ist vor allem in den Sommermonaten durch Ausflügler stark ausgelastet. Dennoch stand auch sie schon 1991 vor der Stilllegung, als der BVG-Vorstand die Strecken über Land als "nicht straßenbahnwürdig" beurteilte. Dabei fielen Vorteile in der Ökologie und der Sicherheit von Trams gerade gegenüber Bussen nicht ins Gewicht. Nach dem Schulbusunglück bei Altlandsberg forden Eltern in der Region auch unter Sicherheitsgründen eine Beibehaltung der Straßenbahnen.

Die aktuellen Finanzprobleme liegen vor allem an der Streichung von 30 Millionen Mark für die Subventionierung des Nahverkehrs im Landeshaushalt. Zwar erhalten die Kommunen im Jahr 2000 unter dem Strich mehr als Geld aus der Landeskasse als 1999. Doch beim Gezerre in den Kreistagen ums Verteilen gerät der Nahverkehr, besonders der teure, schnell auf die Streichliste.

Vor allem Strausberg fürchtet ein "langsames Sterben auf Raten", wie es Bürgermeister Jürgen Schmitz ausdrückte. Die Straßenbahn, die 1893 als Strausberger Eisenbahn begann, braucht jährlich etwa 1,6 Millionen Mark. Davon deckte die Stadt bisher eine Million Mark, der Rest kam vom Landkreis und dem Land. Nun muss die 24 000 Einwohner zählende Kommune angesichts der Haushaltslage ihren Anteil halbieren. Land und Kreis sollen einspringen, forderte die Stadtverordnetenversammlung in einem offenen Brief an den Landrat und den Ministerpräsidenten.

In seiner Aufregung hatte der SPD-Bürgermeister sogar erwogen, sich mit jedermann zu verbünden, um die Straßenbahnen in Strausberg und Rüdersdorf zu erhalten. Er schloss "in der Not" selbst ein Treffen mit der Vorsitzenden des Verkehrsausschusses im Landtag, Liane Hesselbarth, von der DVU nicht aus. Das brachte ihm erwartungsgemäß viel Kritik ein. Nun will Schmitz den Verkehrsminister, Landtagsabgeordnete und die verkehrspolitischen Sprecher von CDU, SPD und PDS zu einem Krisengespräch nach Strausberg einladen.

Der Bürgermeister kämpft nach eigenem Bekunden auch gegen ein offenbar im Landkreis Märkisch-Oderland verbreitetes Missverständnis. "Wir liegen zwar im Vergleich zur Kreisstadt Seelow viel näher dran an Berlin, haben es aber in der überregionalen Werbung um Investoren und Einwohner nicht viel leichter", sagt Schmitz. "Wir gelten als Ostbrandenburg und stoßen deshalb bei der Vermarktung auf Schwierigkeiten." Andererseits falle der westliche Teil des Landkreises, wo die meisten Menschen wohnen, im Kreistag oft unter den Tisch. Die Nähe zu Berlin aber löse nicht alle Probleme. Die Ängste um die Straßenbahn seien das beste Beispiel. Ursprüngliche Pläne für eine Ausdehnung des Streckennetzes durch die Fußgängerzone und bis zum Einkaufszentrum müssen gänzlich in der Schublade verschwinden.

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