Berlin : Weiterleben nach der Welle

Die Brademanns aus Marienfelde entkamen schwer verletzt dem Tsunami – und dem Trauma danach

Thomas Loy

Die Fotos in den Klappalben zeigen das Paradies. Sonnenuntergänge in orangerosa oder königsblau, heller Sand vor sattgrünem Urwald, lichtverwöhnte Menschen in knappen Textilien. Die Erzählungen von der Katastrophe, als die Wasserwand vor einem Jahr an die Küste von Khao Lak rollte, können diese Bilder nicht verdüstern. Renate Brademann erinnert sich an einen hellgrünen Wasserschleier, durch den die Lichtstrahlen funkelten, als die Welle über sie hinauswuchs und ihren Körper mit sich riss.

Ein Jahr später sind alle Knochenbrüche und Platzwunden verheilt. Das kann man sehen. Aber was in ihren Köpfen los war, los ist, darüber reden die Brademanns nicht. Sie gehören zu der Schicksalsgemeinschaft, die der Tsunami geschaffen hat. Wenn am 26. Dezember der nicht-öffentliche Gedenkgottesdienst stattfindet, werden sie da sein.

In der Bungalowsiedlung, wo die Brademanns im thailändischen Ferienort Khao Lak wohnten, starben 22 Menschen. Viele davon kannten sie.

Die Brademanns – die Eltern und ihre Tochter sowie Schwiegersohn – sind vollzählig aus dem Tsunami wieder aufgetaucht. Renate und Dieter Brademann wirken fast unbeschwert, wenn sie aus der Geborgenheit ihrer Marienfelder Couchgarnitur die Ereignisse zu rekonstruieren versuchen. Dieses Jahr verbringt das pensionierte Ehepaar Weihnachten zu Hause. Nicht, weil sie Angst hätten, in die Welt hinaus zu fahren. Sie wissen nur noch nicht, wo sie künftig überwintern sollen.

Am Unglücksmorgen waren Renate und Dieter Brademann am Strand spazieren und hatten diese merkwürdige Ebbe beobachtet. Dieter Brademann hatte seinen Fotoapparat im Bungalow gelassen und lief los, um ihn zu holen. Zurück am Strand, zoomte er mit seinem 300er-Tele aufs Meer hinaus und sah am oberen Rand des Bildausschnitts diese „Wasserwalze“, eine durchgehende Wasserfront mit hoher Gischtkuppe, auf der die Patrouillenboote draußen wie Buddelschiffe in der Badewanne zu tanzen begannen. Das sah gefährlich aus, und Dieter Brademann brüllte über den Strand: Wir müssen weg hier! Das Wasser kommt!

Hubert, der Vorarlberger, lag in diesem Moment gelangweilt auf seiner Liege, den Kopf auf den Arm gestützt: „Das hatten wir schon mal.“ Irene, die Freundin aus Wien, ging der Wasserwand entgegen, um noch bessere Fotos zu machen. Beide kamen in den Fluten um.

Renate und Dieter liefen zu ihrem Bungalow. Sie sahen noch, wie ein Bekannter aus Berlin im Wasser an ihnen vorbeisaust. Dann werden sie selbst von der Welle erfasst. Dieter wird in den Bungalow hineingedrückt, stößt mit dem Kopf gegen eine Wand, erinnert sich noch an einen lauten Knall - „da ist wohl der Bungalow auseinander gebrochen“ – und verliert das Bewusstsein. Als er wieder aufwacht, treibt er auf einem Teppich aus Ästen, Brettern und Abfall 300 Meter vor der Küste, drei Kilometer entfernt vom Strandabschnitt seines Bungalows. Er hat eine Platzwunde am Kopf, sechs gebrochene Rippen, aber davon spürt er noch nichts. Renate liegt da schon mit einem Beckenbruch in einem überfluteten Palmenhain und versucht, sich eine schwere Haustür vom Leib zu halten.

Dieter Brademann findet ein Schaumstoffpolster und eine Schwimmweste, um sich über Wasser zu halten und langsam Richtung Land zu paddeln. Er orientiert sich an großen Felsen, die er von Spaziergängen kennt. Sein Kopf gibt klare Anweisungen. Als er eine weitere Welle auf sich zurollen sieht, ungefähr vier Meter hoch, paddelt er ihr entgegen, um sich über den Wellenkamm zu hangeln. Um ihn herum schwimmen Kühlschränke und Baumstämme, die in einer brechenden Welle zu Geschossen mutieren können.

Schließlich erreicht er die Küste. Ein Thailänder bringt ihn zur nächsten Straße, auf der Helfer unterwegs sind. Auch seine Frau wird gerettet. Erst fünf Tage später erfahren die Brademanns vom gegenseitigen Überleben. In der Klinik überfällt sie Angst, als sie von den vielen Toten hören. Auf den Listen, die kursierten, sind viele Namen falsch geschrieben. Die Brademanns waren zu viert in Khao Lak. Tochter und Schwiegersohn waren in einer Tauchschule, als die Todeswelle anrollte. Sie retteten sich auf eine Palme und blieben unverletzt. Auch zu ihnen gab es tagelang keinen Kontakt. Dieter Brademann steht zunächst unter Schock. Er weiß nur noch seinen Namen. Alle privaten Rufnummern sind aus seinem Hirn gelöscht.

Wieder in Berlin setzte Dieter Brademann sich mit der Welle auseinander. Mit ihrer Technik. Lernt viel über die geologischen Ursachen, vielleicht auch das eine Art der Verarbeitung. Das Meer ist für ihn keine Angstzone geworden. Auch nicht für seine Frau. Nur kurz überlegten sie, ihr Motorboot, das am Stölpchensee ankert zu verkaufen. Renate kann sich inzwischen sogar vorstellen, wieder nach Thailand zu reisen. Aber nicht nach Khao Lak.

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