Berlin : Weiterleben und nur nach vorn schauen

Vor zwölf Tagen wurde Thiemo K. vor eine U-Bahn geschubst. Er hat beide Unterschenkel verloren

Stefan Jacobs

Wie es ihm geht? „Besser!“, sagt Thiemo K. mit hörbarem Ausrufezeichen. Er selbst will es hören. Und seine Mutter soll es hören, während sie am Bett sitzt und ihn so normal behandelt, wie eine Mutter mit ihrem Kind umgehen kann, das vor wenigen Tagen beide Unterschenkel verloren hat. Nachher kommt noch Thiemos Freundin, die sich jetzt ums gemeinsame Töchterchen kümmert. Vor nicht einmal zwei Wochen schubste ein polizeibekannter Gewalttäter den 22-Jährigen auf dem U-Bahnhof Zwickauer Damm ohne Warnung vor einen einfahrenden Zug. Der 32-jährige Tatverdächtige sitzt wegen Mordversuches in U-Haft. Und Thiemo K. liegt im Krankenhaus Neukölln und hofft, dass ihm nicht noch das rechte Knie amputiert werden muss. Das linke Bein beginnt zu verheilen, das rechte nicht. Knie erleichtern das Laufen mit Prothesen enorm, sagen die Ärzte. Ein paar Tage wollen sie noch warten.

Auch Thiemo wartet. Mehr kann er nicht tun, seit er zwei Tage nach der Katastrophe zwischen lauter Schläuchen und Maschinen auf der Intensivstation aufwachte. Das letzte Bild vor dem Filmriss war der über ihn gebeugte U-Bahnfahrer; alles Weitere erfuhr er in den Tagen darauf.

Im ersten Moment wusste er nicht, ob er weiterleben wollte. Dann sah er seine Eltern zwischen den Maschinen, und als seine Jessica am Heiligabend mit Verlobungsringen an sein Bett kam, war er sich ganz sicher. „Ich hatte erst Angst, dass sie mich verlässt. Dass sie so zu mir hält, rechne ich ihr hoch an.“ Die 18-Jährige hat ihm ein Plüschherz ins Krankenhaus gebracht, an dem er sich festhalten kann. Neben seinem Bett stehen ein Stoff-Elch, ein Laptop und ein Kinderfoto. „Bald kommt sie mich auch mit unserem Baby besuchen“, sagt Thiemo. „Die Kleine wird doch bald ein Jahr alt, die ist doch kein Baby mehr!“, erwidert seine Mutter lachend. „Für mich schon“, sagt Thiemo und lacht auch kurz. Das Lachen strengt ihn an, weil ihn die Schmerzmittel so müde machen. Ohne geht es nicht; er hat es versucht. Immer wieder drückt er auf den Knopf über seinem Bett, damit ein paar Tropfen durch die Kanüle in seinen Arm fließen. Doch die Automatikpumpe springt nur alle 20 Minuten an.

Es hat ein bisschen gedauert, bis Thiemo seine Gedanken sortieren konnte, aber jetzt ist er soweit: Er wird nicht wieder gesund, okay. Aber seine Lehre beim Hausgeräteservice Hermann will er unbedingt zu Ende bringen, zumal seine Chefin ihm schon versprochen hat, dass sie auf ihn warten will. Außerdem will er möglichst bald wieder ein normales Leben führen und vernünftige Prothesen haben, damit er sich um seine kleine Familie kümmern und wieder Sport treiben kann. Ob es zum Fußball spielen reicht, weiß er noch nicht, aber aufs Ski fahren und Tauchen will er nicht verzichten. Ein Auto wird er wohl auch brauchen, damit er nie wieder einen U-Bahnhof betreten muss. Und falls ihm die Treppe zur Plattenbauwohnung in Altglienicke zu steil werden sollte, „dann ziehen wir eben um. Meine Freundin würde sowieso ganz gern da weg.“ Das Geld spielt jetzt, wo er gerade erst mit dem Leben davongekommen ist, keine Rolle. Noch nicht.

In den ersten Tagen hat Thiemo manchmal zurückgeschaut und sich gefragt, warum es gerade ihn getroffen hat. „Aber da kommt man nicht weiter. Das ist halt Schicksal.“ Also wandte er seinen Blick vorwärts – und sah, dass das Loch vor ihm dank seiner Lieben nicht allzu tief werden würde. Er schafft es kaum noch, seine Besuche zu koordinieren, denn plötzlich melden sich sogar Leute bei ihm, von denen er ewig nichts gehört hat. Viele haben es aus der Zeitung erfahren und ihn am „th“ und „ie“ in seinem Vornamen erkannt. Nun kommen sie, um ihm Kraft zu geben. Und wenn sie da sind, staunen sie, wie viel davon er selber hat.

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