Berlin : Welche Kandidaten nichtdeutscher Herkunft treten für welche Parteien an?

Jeannette Goddar

Als die SPD ihr Wahlkampfteam vorstellte, präsentierte Landeschef Peter Strieder angesichts von acht Kandidaten nichtdeutscher Herkunft voller Stolz die multikulturelle Seite seiner Partei: Migranten seien "keine Ausländer auf Besuch", so Strieder, "sondern ein elementarer Bestandteil der Gesellschaft" - und sollten als solche am politischen Leben teilhaben. Bei genauerer Betrachtung fällt die Ausbeute allerdings geringer aus: Sechs der acht kandidieren nicht für das Abgeordnetenhaus, sondern für die Bezirksverordnetenversammlungen. Die einzige aussichtsreiche SPD-Kandidatin für das Abgeordnetenhaus ist Dilek Kolat, Direktkandidatin in Friedenau.

Die gebürtige Türkin, die 1970 als Dreijährige nach Berlin kam, erlebte schon zu Beginn des Wahlkampfes, was es heißen kann, sich in die Politik einzumischen. Unbekannte beschmierten etwa 50 der 200 Plakate mit ihrem Konterfei: "Nein zu Türken in der Politik!" Es ist ihr anzuhören, wie sehr sie das getroffen hat: "Noch heute kann ich mir die Plakate schlecht ansehen", sagt sie. Dennoch ist sie jetzt erst recht gewillt, in das Abgeordnetenhaus einzuziehen. "Es gibt in der Integrationspolitik viel zu tun", sagt sie. Den Posten der ausländerpolitischen Sprecherin zu übernehmen schließt sie nicht aus.

Ganz anders Özcan Mutlu, der bündnisgrüne Nachwuchs-Kandidat auf Platz 6 der Landesliste, dem das Mandat so gut wie sicher ist. "Nur weil ich Migrant bin, soll ich ausländerpolitischer Sprecher werden? Nein." Mutlu war auch einer der wenigen Grünen, die es richtig fanden, Cem Özdemir nicht zum Ausländerbeauftragten der Bundesregierung zu machen: "Als innenpolitischer Sprecher hat er viel mehr zu sagen."

Der Schwerpunkt des 32jährigen, der mit fünf Jahren nach Berlin kam, liegt auf der Bildungspolitik. Einen Namen machte er sich vor allem als Mitgründer der Deutsch-Türkischen Europaschule in Kreuzberg. Also doch auf Multikulti festgelegt? Mutlu nüchtern: "Solange Migration nicht als Querschnittsressort betrachtet wird, müssen Leute wie ich sich darum kümmern."

Er weiß, dass ihn einige immer noch "Quotentürke" nennen - innerhalb wie außerhalb der Partei. "Immerhin", sagt er ein wenig spöttisch, "sind es in der Partei weniger, die mich so sehen, als außerhalb." Außer Mutlu kandidiert die in Kroatien geborene Yasenka Villbrandt, Vertreterin der ersten Gastarbeiter-Generation auf dem unsicheren 20. Listenplatz. Riza Baran, der seit 1995 als bündnisgrüner Direktkandidat aus Kreuzberg im Abgeordnetenhaus saß, kandidiert nicht mehr. Der ausländerpolitische Sprecher Ismail Kosan wurde nicht erneut aufgestellt. Ferner warten die Bündnisgrünen mit immerhin 17 Kandidaten nichtdeutscher Herkunft für die BVV-Wahlen auf.

Einziger Alteingessener im Abgeordnetenhaus dürfte nach dem 10. Oktober Giyassettin Sayan sein. Der gebürtige Kurde, der sich vor allem mit seiner besonnenen Vermittlung zwischen Kurden und der Berliner Polizei nach dem Sturm auf das israelische Generalkonsulat einen Namen brachte, tritt erneut als Direktkandidat der PDS in Lichtenberg an. Die Lichtenberger PDS-Mitglieder schätzen ihren Kandidaten offenbar sehr: Mit 100 Prozent der Stimmen wurde Sayan, der bisher nicht einmal Mitglied der Partei ist, im Mai aufgestellt. Und auch sein Wahlerfolg scheint garantiert: 1995 heimste er fast 40 Prozent der Stimmen ein. Als Abgeordneter wird er weiterhin Minderheitenpolitik machen - und das mit voller Absicht. "Ich betrachte es als meinen primären Auftrag, die Bürgerrechte benachteiligter Menschen einzuklagen", sagt Sayan. Dass jemand anderes ausländerpolitischer Sprecher wird, kann er sich auch kaum vorstellen: "Es gibt auch keinen Mann, der sich ernsthaft für die Belange der Frauen einsetzt." Ferner kandidiert die Kurdin Evrin Baba in Neukölln für die PDS. Auf den BVV-Listen kandidieren weitere acht Kandidaten nichtdeutscher Herkunft.

Die CDU hat für das Abgeordnetenhaus keinen Kandidaten nichtdeutscher Herkunft aufgestellt. Über die Zahl in den Bezirken ist man sich nicht so sicher. "Ich glaube, es sind vier", sagt eine Sprecherin, "aber das ist ja schwer festzustellen".

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