Berlin : Wellness auf indisch: Warum beim Yoga immer Kopfstehen? Es geht auch anders

Thomas Monien

Stille herrscht in der Luft liegt das Aroma indischen Räucherwerks, und aus dem Garten fällt mild-grünes Licht in den Raum. Hier liegen sie auf lila Decken platt am Boden und üben - angehende Yoga-Jünger entspannen sich aktiv beim "Viniyoga". Die da liegen, sind zwischen 30 und 60 Jahren alt und erinnern weder an indische Yogis, noch sehen sie aus wie die besessenen Sportjünger der Fitness-Clubs. Hier liegen Studenten neben Verwaltungsangestellten neben Lehrern. Langsam werden Beine oder mal ein Arm angehoben, bis ein Gong ertönt und Edgar Arzenbacher, Yoga-Lehrer am "Ort für Yoga und Meditation" seine Gäste begrüßt.

Man taucht aus der ersten Versenkung auf und lauscht am Boden hockend den "Hilfen des Yoga zu einem ganzheitlichen Leben". So der Titel der Veranstaltung des "Berliner Yoga Zentrums" im "Ort für Meditation und Yoga". Schnell wird deutlich, dass das ganzheitliche Leben nicht darin besteht, auf dem Boden zu liegen und die Arme auszustrecken. Arzenberger spannt einen weiten Bogen von altindischen Mythen über Humboldt bis Freud und Tucholsky, um darauf zu kommen, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnt.

Geistreiche Weisheiten des Orients und Okzidents fließen ihm gleichermaßen aus Mund und Händen, während Anzenberger neben einer rosa Rose auf seinem Hocker sitzt und das mild-grüne Licht sein Haar versilbert. Wohltuend auch seine Versicherung, dass niemand sich körperlich schinden müsse, denn die Übungen beim Viniyoga seien einfach und leicht zu erlernen. Die Regeln sind klar: die Übungen kann jeder mitmachen, sie sollen nicht schmerzen und man achtet auf eine gleichmäßige und ruhige Atmung: "Achten sie auf Ihren Atem, fühlen Sie, wie wunderbar es ist, dass Sie hier liegen." So einfach ist das - Yoga für Jedermann. Hier muss niemand auf dem Kopf stehen oder sich die Beine verrenken, um auf die Spur der Erleuchtung im boomenden Yoga-Markt zu kommen.

Also stehen alle wieder auf und üben Vorbeugen, bei denen die Finger nicht auf den Boden kommen müssen, Seitbeugen, bei denen die Nachbarn noch mal gucken können, wie das geht, und Rückbeugen, bei denen man im Liegen den Po in die Luft lupft. Jeder kommt mit. Viniyoga ist tatsächlich eine Form des indischen Wellness, die auch für die geeignet ist, die noch nicht oder nicht mehr fit sind. "Mir hilft Yoga bei meinen Rückenschmerzen" meint eine ergraute Teilnehmerin, "und Muskelkater bekomme ich auch nicht mehr wie beim Sport!"

Und so pendelt der Abend zwischen leichten körperlichen Übungen und schwerer indischer Philosophie, deren Begriffe klingen wie die Speisekarte beim Inder: yama, niyama, asana, pranayama, praryahava, dhorana, dhyana, somadhi. Und wie beim Inder, kann man auch beim Yoga auswählen. Wem das ganzheitliche Leben durchs Rumpfbeugen zu viel ist, der wählt erst einmal asana und pranayama, die körperliche Übung und das richtige Atmen: "Legen Sie sich flach auf den Boden und atmen sie die Spannung aus dem Kopf." sagt Arzenbacher und schlägt wieder den Gong.

Stille herrscht. Im Raum und im Kopf. Kaum zu glauben, dass draußen die Großstadt tobt.

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