Berlin : Weltgeschichte zum Schleuderpreis

15 Jahre nach dem Mauerfall sind die Restposten des Beton-Ungetüms immer billiger zu haben

Thomas Loy

Das lange Warten auf ein Stück Weltgeschichte hat sich gelohnt: Die Berliner Mauer wird immer billiger. Sammler bekommen ein gut erhaltenes bemaltes Originalsegment aus dem „antifaschistischen Schutzwall“ derzeit für rund 4000 Euro. Im Herbst 2004 wurden bei einer Auktion noch 6000 Euro für den DDR-Magerbeton bezahlt. Die Preise dürften weiter sinken, denn der Bund bereitet den Verkauf von 60 Segmenten aus der ehemaligen Hinterlandmauer am Schiffbauerdamm vor. Eigentlich sollte die Aktion schon im Frühsommer beginnen, aber die Verhandlungen mit den Künstlern, die Teile der Mauer bemalt haben, ziehen sich noch hin. Größere Summen aus dem Verkauf verspreche man sich nicht, sagt Thomas Leitschuh von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

Die Segmente stammen aus dem so genannten „Parlament der Bäume“ des Aktionskünstlers Ben Wargin. Die Gedenk-Installation aus Mauerteilen und Bäumen musste wegen der Neubauten für den Bundestag erheblich verkleinert werden. Die Segmente wurden zunächst in einer Halle in Köpenick eingelagert. Weil sich keine weitere Verwendung ergab, sollen sie nun versteigert werden – aber nicht alle auf einmal. 60 Mauerteile könne der Markt gar nicht aufnehmen, heißt es.

Im Frühjahr versteigerte die Deutsche Grundstücksauktionen AG im Schöneberger Rathaus vier Mauersegmente aus der Waldemarstraße in Kreuzberg. Dort hatten Künstler in den 80er Jahren große Flächen der Mauer mit Figuren und Szenen bemalt. Die Mauerspechte kamen an diesen Abschnitt nicht heran, weil recht raue Wagendorf-Gesellen den Zugang versperrten. Noch unter dem Regime der DDR-Grenztruppen wurden die Mauersegmente nummeriert, fotografiert und vom Außenhandelsunternehmen Limex vertrieben. Mauer-Aktivist Hans Martin Fleischer, der damals Segmente aus dem Bereich Potsdamer Platz kaufen wollte, erinnert sich an astronomische Forderungen. „Für vier Teile wollten sie damals 380000 Mark haben.“ Später pendelte sich der Stückpreis bei 40000 Mark ein.

Bei der Frühjahrsversteigerung der Grundstücksauktionen AG im Schöneberger Rathaus wurden für vier bemalte Mauerteile zwischen 2600 und 5400 Euro gezahlt. Die Käufer waren ein Briefmarkenauktionator aus Westdeutschland, ein Hotelier aus Ibiza, das Berliner Kaufhaus Lafayette und ein Japaner mit Wohnsitz in Bad Freienwalde.

Als Mauersegment-Besitzer befindet man sich in guter Gesellschaft. Das Museum of Modern Art (MoMA) in New York besitzt originale Berliner Mauer, die CIA in Langley, UN-Chef Kofi Annan, der ehemalige US-Präsident George Bush senior, der König von Tonga und die Cognac-Familie Hennessy. Dennoch hat die Berliner Mauer im eigenen Garten nie wirklichen Kultstatus erreicht.

Der Verkäufer der vier Segmente – ein Berliner Unternehmer, der anonym bleiben möchte – hatte den historisch bedeutsamen Beton bei einem Transportunternehmen eingelagert und schon völlig vergessen, bis er mal wieder eine Lagerkostenrechnung in die Finger bekam. „Man hat sich 1990 zu Sachen hinreißen lassen, die man heute nicht mehr machen würde.“ Mit der schwindenden Vereinigungseuphorie ließ auch sein Interesse an den Mauer-Originalen nach. Mit dem Verkauf hat er deutlich Verlust gemacht.

Rudolf Thomas, der in Reinickendorf einen Maschinenhandel betreibt, ließ sich 1990 von einem befreundeten Bauunternehmer sechs Mauerteile aufs Betriebsgelände bugsieren. Da liegen sie heute noch. Thomas würde sie meistbietend verkaufen, aber der Chef des Auktionshauses, Hans Peter Plettner, lehnte ab. Die Teile sind unbemalt. Berliner Mauer im Ursprungszustand wirkt doch immer noch abschreckend.

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