Berlin : Weltkulturerbe oder nicht? - Streit um die Museumsinsel

BRIGITTE GRUNERT

BERLIN .Bei Bundesaußenminister Klaus Kinkel liegt seit Juni ein Antrag des Senats auf Aufnahme der Museumsinsel in das Weltkulturerbe der UNESCO.Jetzt will der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen den Antrag vorerst zurückziehen, weil zwischen Denkmalschützern und Museumsfachleuten Unstimmigkeiten über das Gesamtkonzept für die Museumsinsel bestehen.



Der Chef der Senatskanzlei, Volker Kähne, bestätigte gestern: "Darauf läuft es hinaus".Es gehe aber nicht um das Ob, sondern nur um das Wann des Antrages.Der für den Denkmalschutz zuständige Umweltsenator Peter Strieder (SPD) warnt dagegen dringend vor einem vorläufigen Rückzug.Die Änderungen seien nicht so gravierend.Man müsse Denkmalschutz und moderne Museumskonzeption unter einen Hut bringen.Eine öffentliche Auseinandersetzung gefährde das Ziel bei der UNESCO.

Als sich der Senat am 9.Juni auf den Antrag bei der UNESCO verständigte, sprach Strieder vom Einverständnis auch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.Ihm habe der Vermerk eines Telefonats zwischen dem Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege, Haspel, und dem Vizepräsidenten der Stiftung, Zimmermann, vorgelegen, betonte Strieder gestern.Diepgen wandte sich daraufhin an Kinkel.

Hinterher stellte sich nach Angaben Kähnes heraus, daß die Stiftung nicht mit dem vorliegenden Antrag einverstanden war.Diepgen bat daraufhin Anfang Juli Kinkel in einem Brief, die Weiterleitung der Unterlagen zurückzustellen.Antwort Kinkels von Ende Juli: Bis 15.September habe man in Berlin Zeit für das Gesamtkonzept, damit die UNESCO im Dezember 2000 entscheiden kann.Nach Darstellung Kähnes hält die Stiftung eine Einigung jedoch frühestens bis Juni 1999 für möglich.In diesem Fall könnte die UNESCO erst im Dezember 2001 entscheiden.

Inzwischen ist daran gedacht, daß der Stiftungsrat über das umstrittene Gesamtkonzept entscheiden soll.Auch Senatssprecher Butz betonte gestern, die Aufnahme der Museumsinsel mit dem Pergamonmusem, dem Bodemuseum, der Nationalgalerie sowie dem Neuen und dem Alten Museum in die UNESCO-Liste zum Weltkulturerbe werde nach wie vor nachdrücklich befürwortet.Die Museumsinsel solle im Einklang mit der UNESCO, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Bonner Innenministerium zügig rekonstruiert und wiederaufgebaut werden.Hierzu sei jedoch ein mit der Stiftung als Bauherrn und dem Landesdenkmalamt abgestimmtes Konzept zu erarbeiten.

Der Wiederaufbau des Neuen Museums auf der Museumsinsel soll nach Plänen des englischen Architekten David Chipperfield vonstatten gehen.Diesen Auftrag hat der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im vergangenen Dezember erteilt.Chipperfield ist nun damit beschäftigt, seinen bereits überarbeiteten Entwurf zu präzisieren und mit den Anforderungen der Museen in Einklang zu bringen, ehe der Stiftungsrat über die Beauftragung mit der Bauausführung entscheiden kann.Unterlegen war der Entwurf des Amerikaners Frank Gehry.Ein Umbau des Pergamonmuseums oder gar der Neubau weiterer Bauteile, wie dies beim ursprünglichen Wettbewerb unter anderem auch von Gehry vorgeschlagen worden war, steht derzeit nicht zur Debatte.Zu einer solchen, umfassenden Baumaßnahme fehlt allerdings derzeit das Geld, so daß der Stiftungsrat beschloß, sich lediglich mit dem Wiederaufbau des Neuen Museums zu befassen.Für dieses Gebäude wird mit Baukosten um 300 Millionen Mark gerechnet.

Irritationen gibt es außerdem um die im UNESCO-Antrag erwähnte "Pufferzone" rund um die Museumsinsel, die nicht bebaut werden dürfe.Wo diese "Pufferzone" genau verläuft, die Bausünden rund um die Museumsinsel verhindern und Sichtachsen bewahren soll, ist im Bezirksamt Mitte unklar.Baustadtrat Thomas Flierl sagte gestern, man habe die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schon vor längerer Zeit erfolglos um eine "inhaltliche Präzisierung" dieses Gebiets gebeten.Es gebe zwar Vorschläge von fünf interessierten Bauherren, am Rand des Monbijouparks gegenüber der Insel auf weitgehend öffentlichen Grundstücken zu bauen, doch der Bezirk müsse seine Position noch abstimmen.In jedem Fall werde man die Vorgaben des Landesdenkmalamtes respektieren, hieß es.

Es gebe keinerlei konkrete Bauabsichten, versicherte gestern Wolfgang Brost vom Architekturbüro Teamwerk, das als Teil einer Arbeitsgemeinschaft Monbijoupark dem Bauausschuß des Bezirks Mitte Juni ein Gestaltungskonzept vorstellte.In ihm wird vorgeschlagen, auf ohnehin versiegelten Flächen der Monbijoustraße - an der unter anderem Gebäude der ehemaligen Poliklinik stehen - Wohnen am Park zu ermöglichen.Es sei aber unbestritten, daß neue Bauten auf die Sichtachsen zur Museumsinsel Rücksicht nehmen müßten.



Eine Frage der Ehre

Ein Platz auf der Liste bringt kein Geld, nur Pflichten

BERLIN (erk).Im Jahre 1972 wurde die "Internationale Konvention für das Kultur- und Naturerbe der Menschheit" von der UNESCO verabschiedet.Sie ist die "Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation" mit Sitz in Paris.Gegenwärtig stehen 552 Denkmäler in 112 Ländern der Erde in der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.

Im Einzelnen handelt es sich, wie das Bonner UNESCO-Büro auf Anfrage mitteilt, um weltweit 418 Kultur- und 114 Naturdenkmale; weitere 20 Objekte gehören zu beiden Kategorien.Die Bundesrepublik Deutschland ist mit 19 Kulturdenkmalen in der Liste vertreten.Dann könnte die Berliner Museumsinsel das 20.Objekt im Range eines Weltkulturerbes werden, wenn ein anderes Bundesland nicht schneller ist als die sich selbst offenbar behindernden Berliner Beteiligten.Auf der Liste der Unesco findet sich beispielsweise auch der Louvre in Paris.

Die Eintragungen sind eine Ehrensache, die allerdings zur Erhaltung des Schutzgutes verpflichtet.Geld der UNESCO fließt nicht in die Objekte, jedenfalls nicht in die, wie es heißt, "entwickelten" Länder.Dafür wäre der UNESCO-Etat mit ungefähr vier Millionen Dollar auch zu schmal.Im Falle der Eintragung der Berliner Museumsinsel in die UNESCO-Liste bedeutete das die Erhaltung des Komplexes; jedwede künftige Veränderung bedürfte der Zustimmung der UNESCO.

Der Antragsweg erfolgt über die Kultusministerkonferenz, die ihrerseits eine "Kandidatenliste" aufstellt und diese samt Anträgen übers Auswärtige Amt nach Paris zur UNESCO schickt.Das Welterbe-Komittee der UNESCO tagt nur einmal jährlich im Dezember.

Wie das Bonner UNESCO-Büro sagte, wurde noch nie eine Listeneintragung getilgt.Auch die "Rote Liste", die von einer akuten Gefahr des Schutzobjektes kündet, war in Deutschland - zuletzt im Potsdamer Center-Fall - nur wirksames Drohmittel.

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