Berlin : Weltmeister in Benimm

Berlin präsentiert sich als höfliche Stadt Der herbe Charme soll jedoch nicht verloren gehen

Sigrid Kneist

Erst wird Deutschland Weltmeister im Fußball, anschließend macht es Berlin in der Disziplin Höflichkeit nach. Vor ein paar Wochen hätte jeder bei diesen Voraussagen laut gelacht. Aber inzwischen traut man Klinsmanns Kickern wieder einiges zu. Auch Berlin und Höflichkeit scheinen nicht so gegensätzlich, wie immer gedacht. Die Zeitschrift „Reader’s Digest“ platziert die Stadt immerhin auf Platz vier der höflichsten Metropolen der Welt – hinter New York, Zürich und Toronto. Dabei wurde die Umfrage vor Monaten gemacht, als noch keine entspannte WM-Stimmung die Stadt beherrschte. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit schaut deswegen zuversichtlich in die Zukunft: „Ich bin sehr optimistisch, dass dieses positive Gefühl auch nach der WM anhalten wird.“

Denn die fröhliche Grundstimmung erleichtert es jedem, selber auch höflich zu sein. „Verordnen kann man Höflichkeit nicht“, sagt der stellvertretende Senatssprecher Günter Kolodziej auf die Frage, ob Berlin nicht den ersten Platz in der Höflichkeits-Weltrangliste übernehmen kann. Aber man könne schon einiges von offizieller Seite her dafür tun. Dies geschehe auch, sagt Kolodziej. Und verweist auf Trainingsmaßnahmen bei der Bahn und der BVG und auf andere Freundlichkeitsoffensiven. Aber bei allen Anstrengungen sollte „der spezielle herbe Charme der Berliner nicht verloren gehen – der hat einen bestimmten Reiz“, sagt der Senatssprecher. Mit eigenen Zielen verbindet der Spitzenkandidat der CDU, Friedbert Pflüger, die Reader’s-Digest-Ergebnisse. Man dürfe bei aller Freude über die gute Platzierung „damit noch nicht zufrieden sein“. Die gute Stimmung in der Stadt will er nutzen, „um mehr Investoren nach Berlin zu holen“.

Keineswegs überrascht sind die Berliner Dienstleister. „Wir sind eben besser als unser Ruf“, sagt Peter Vogel vom Hotel- und Gaststättenverband. Daran arbeite man auch. Der Verband gibt für seine Mitglieder einen „Interkulturellen Knigge“ heraus, der über verschiedene Gepflogenheiten von ausländischen Gästen aufklärt. Der Taxi-Verband veranstaltet für seine Mitglieder Dienstleistungsseminare, in denen die Taxi-Unternehmer unter anderem auch erfahren, wie Freundlichkeit und Geschäft zusammenhängen. Die BVG ließ ihre Busfahrer in Englisch schulen, damit sie besser auf die internationalen Fahrgäste eingehen können. „Selbst wenn man dann nicht fließend sprechen kann, hat man Arme und Beine, um sich verständlich zu machen“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Zur Gelassenheit rät Tourismus-Chef Hanns Peter Nerger. Er empfiehlt, jetzt nicht in einen Wettbewerb verfallen zu wollen. „Die Stimmung muss von innen kommen“, sagt Nerger. Ohnehin sei das Image der Stadt von außen betrachtet nicht so schlecht: „Das ist eher ein Problem der Berliner mit den Berlinern.“

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