Berlin : Weltraum-Ausflug in der Physikstunde

Nach dem Astronautenzentrum Orbitall öffnete gestern das Raumlabor im FEZ in der Wuhlheide

Stefan Jacobs

Eigentlich soll er jetzt das neue Weltraumlabor eröffnen, aber erst einmal muss der Geschäftsführer des FEZ dem Herrn Gerster aus Nürnberg ein dickes Lob aussprechen: Ohne dessen Bundesagentur für Arbeit hätten sie das Raumlabor in dem Jugendfreizeitzentrum an der Wuhlheide weder so zügig bauen noch bezahlen können. Doch das Raumlabor, das an diesem Mittwoch feierlich eröffnet wird, ist nicht in erster Linie ein ABM-Projekt, sondern ein wissenschaftlich fundiertes und von echten Astronauten geprüftes Experimentier-Kabinett für Schüler ab Klasse acht.

Als vor einem Jahr der erste Teil des Weltraumzentrums „Orbitall“ im FEZ eröffnet wurde, war Sigmund Jähn, der einzige DDR-Bürger mit wirklich grenzenloser Reisefreiheit, zu Gast. Diesmal ist sein Astronautenkollege Ulf Merbold gekommen, der 1994 einen ganzen Monat auf der russischen Raumstation „Mir“ („Frieden“) verbrachte und experimentierte. Merbold sagt sinngemäß, dass eine Nation ohne Öl auch künftig vor allem ihr Wissen in die Welt verkaufen muss. Das Problem ist weniger, dass niemand mehr Astronaut werden will, sondern eher, dass Schulabgänger mit durchschnittlichen Physikkenntnissen beim Thema Weltraumtechnik keine Überflieger sind. Das soll sich nun ändern. Bis auf Schwerelosigkeit wird fast alles Wissenswerte für Nachwuchs-Astronauten und Bodenpersonal vermittelt: Wen das Belastungs-EKG als flugtauglich einstuft, der kann in einem space-blau beleuchteten Raum voller Schaltschränke und Monitore für unterwegs üben. Zum Beispiel mit einem ferngesteuerten Roboterarm Bauklötze sortieren. Solche Handgriffe müssen sitzen, wenn etwa mal wieder ein Leck abzudichten ist wie vor kurzem am (echten) amerikanischen ISS-Modul.

Außerdem kann geübt werden, wie man Solarzellen ausrichtet, damit dem Raumschiff unterwegs nicht der Saft ausgeht. Es gibt Satellitenempfänger, die regelmäßig nachjustiert sein wollen, aufwändige Experimente zu Lichtbrechung und -leitung, Brennstoffzellen und ein Mikroskop zur Untersuchung von Werkstoffen. Dass das alles mehr ist als Spielerei, beweisen die längst im Alltag genutzten Erfindungen aus der Raumfahrt – Klettverschluss und Teflonbeschichtung beispielsweise. Und auch die Wettervorhersage wäre ohne Satelliten viel ungenauer als mit dem Blick von oben. Dank der Zusammenarbeit mit der Europäischen Raumfahrtagentur ESA und namhaften Firmen der Branche bekommen die Nachwuchsforscher im FEZ jederzeit die neuesten Meteosat-Wolkenbilder auf den Computerbildschirm. Auch die gestochen scharfen Farbfotos vom Mars, die in der vergangenen Woche die Welt erstaunten, sind schon im FEZ-Raumlabor eingetroffen.

Während das Anfang 2003 eröffnete „Orbitall“ vor allem kleineren Kindern ein bisschen Weltraum-Gefühl vermitteln soll, hat das neue Raumlabor einen wissenschaftlichen Anspruch. Dieter Isakeit von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA lobt das FEZ als „das führende Jugendbildungszentrum in Deutschland“.

Es hat Tradition: In einer Ecke des Eingangsraumes erinnert das fast originalgroße Modell einer sowjetischen „Sojus“-Kapsel an die Tradition des einst als „Kosmonautenzentrum“ eröffneten Bereiches. Bei der Eröffnung 1979 hieß das FEZ noch „Pionierpalast“ und das Kosmonautenzentrum war eine in der DDR einmalige Attraktion. Auf der „Sojus“-Kapsel verewigen sich alle (echten) Astronauten, wenn sie hier zu Gast sind. Heute ist also Merbold dran. Viel Platz ist nicht mehr frei auf der Hülle des Fluggerätes.

Damit Lehrer im Raumlabor nicht sprachlos vor ihren Schülern stehen, stellt die ESA ihnen ein anspruchsvolles Lehrbuch zur Verfügung. Außerdem gibt es ja noch Hans-Georg Werner, der den Raumfahrtbereich im FEZ leitet und die Experimente sehr schön vorführen kann. Beim dem lasch aufgepusteten Luftballon unter einer Glasglocke geht das etwa so: Wir saugen jetzt die Luft aus der Glocke, so dass der relative Druck im Ballon immer weiter steigt, bis er fast die ganze Glocke füllt und schließlich platzt. Man könnte das auch mit einem Mohrenkopf machen, sagt Werner, aber dann müsste man jedes Mal die Glasglocke putzen. Dafür ist die Zeit im Labor einfach viel zu schade.

Anders als der Rest des „Orbitalls“ öffnet das Raumlabor nur für Gruppen und Schulklassen. Anmeldung unter 53071538. Eintritt: 2 Euro pro Person. Das „Orbitall“ hat auch am Wochenende geöffnet; Anmeldung ist zu empfehlen. Adresse: FEZ, An der Wuhlheide 197 ( S 3 bis Bahnhof Wuhlheide) in Köpenick. Internet: www.orbitall-berlin.de

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