• Wem gehört die berühmte Büste?: Streit mit Ägypten: Erstmals Gespräche über Nofretete

Wem gehört die berühmte Büste? : Streit mit Ägypten: Erstmals Gespräche über Nofretete

Wem gehört Nofrete? Erstmals verhandelt Berlin jetzt mit Kairo. Die neue Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin, Friederike Seyfried, trifft sich mit dem Chef der ägyptischen Antikenverwaltung.

Martin Gehlen[Kairo]
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Berliner Wahrzeichen: Nofretete.Foto: Uwe Steinert

Zahi Hawass lässt nicht locker. Er will die Nofretete zurück. Die weltberühmte Büste aus Kalkstein sei 1913 illegal nach Berlin geschafft worden, davon ist der Chef der Ägyptischen Antikenverwaltung überzeugt. Das will er jetzt beweisen und das zeigt Wirkung. Zum ersten Mal seit Beginn des jahrelangen Streits erklärte sich die deutsche Seite bereit, Gespräche über das heikle Thema zu führen. Für Sonntagvormittag hat sich die neue Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin, Friederike Seyfried, in Kairo bei Hawass angesagt.

Der rühmt sich, seit seinem Amtsantritt 2002 bereits über 5000 entwendete Fundstücke wieder nach Ägypten zurückgeholt zu haben. Beflügelt hat ihn vor allem sein jüngster spektakulärer Erfolg gegen den Louvre. Dem Pariser Museum drohte er mit einem Abbruch der Zusammenarbeit, wenn es nicht fünf farbige Fresken aus dem Tal der Könige wieder herausrückt. Deren Chefetage überlegte nicht lange. Seit Dienstag sind die wertvollen Stücke, die vor dem Ankauf aus dem Grab eines pharaonischen Edelmannes gestohlen worden waren, wieder in Kairo. Hosni Mubarak nahm sie nach seinem Staatsbesuch in Paris in der Präsidentenmaschine mit zurück.

Für den nächsten Paukenschlag sorgte Hawass, der als Markenzeichen gerne einen Indiana-Jones-Hut trägt, bei seinem Besuch in London. Hier forderte er vom Britischen Museum erneut den berühmten Rosetta-Stein zurück - von Napoleons Offizieren in Ägypten entdeckt und ihnen dann 1801 von den Engländern abgenommen. Das sei ein „Kernstück ägyptischer Identität“, erklärte Hawass, genauso wie die Büste der Nofretete, die zu den Hauptattraktionen des „Neuen Museums“ in Berlin zählt. Zu dessen Eröffnung am 16. Oktober blieb er dann auch demonstrativ fern.

Über all die Jahre hatte die deutsche Seite die wiederholten Rückforderungen eisern abprallen lassen. Damals sei alles mit rechten Dingen zugegangen – Ende der Diskussion, hieß es aus Berlin. Doch inzwischen scheinen die Beharrlichkeit des Antikenchefs sowie seine allmächtige Stellung im ägyptischen Ausgrabungsgeschäft intern für Bewegung zu sorgen, auch wenn man sich in Berlin im Blick auf das Treffen am Sonntag ausgesprochen schmallippig gibt. Umso kräftiger legte Hawass bereits im Vorfeld seine Erwartungen auf den Tisch. Die deutsche Delegation komme nach Kairo, „um mit Ägypten über dessen Recht auf eine Rückgabe zu sprechen“, erklärte er. „Unsere Seite wird Dokumente vorlegen, die zeigen, dass die deutschen Ausgräber bei der Zusammenstellung der Funde die Statue verschwiegen haben.“ Sie hätten die 3400 Jahre alte Büste mit einer Lehmschicht getarnt, um den ägyptischen Treuhänder bei der Fundteilung zu täuschen. „Das beweist, dass die Statue Ägypten illegal verlassen hat.“

Zusätzlich provoziert fühlt sich der ägyptische Chefarchäologe, als seine Bitte, die Nofretete für die Eröffnung des geplanten Nationalmuseums bei den Pyramiden auszuleihen, von dem damaligen Museumschef Dietrich Wildung brüsk abgelehnt wurde. Nofretete sei zu fragil und nicht transportfähig, lautete die knappe Auskunft von Friedericke Seyfrieds Vorgänger, die die Atmosphäre bis heute belastet. Die unter der Hand geäußerten Befürchtungen von Deutschen und Briten, die Ägypter könnten die beiden weltberühmten Fundstücke ausleihen und anschließend nicht zurückgeben, weist Hawass als „Ehrabschneidung“ zurück. „Wir sind eine zivilisierte Nation. Wir sind keine Jäger des verlorenen Schatzes“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. „Wenn wir einen Vertrag unterzeichnen, halten wir ihn auch ein.“

An der Spree scheint man sich mittlerweile darüber klar geworden zu sein, dass sich die Vorwürfe von Hawass und die Gefühle der Ägypter, in früheren Zeiten bestohlen worden zu sein, wie ein dunkler Schatten über die Beziehungen legen könnten. „Wir wollen nach Wegen suchen, das Thema vom Tisch zu bekommen“, heißt es in deutschen Fachkreisen. Hawass selbst machte vor einer Woche in London bereits klar, wie ein Kompromiss aussehen könnte. Wenn das Britische Museum den Rosetta Stein als Leihgabe zur Eröffnung des neuen Nationalmuseums in Kairo hergebe, könne er sich vorstellen, die Forderung nach Rückgabe fallenzulassen, erklärte er. Dessen Kuratorium ließ bereits einen Tag später durchblicken, es halte eine solche Lösung für denkbar. Wenn auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mitzieht, würde die Nofretete 2013 ebenfalls für drei Monate an den Nil zurückkehren – genau 100 Jahre, nachdem Ludwig Borchardt sie nach Berlin mitnahm.

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