Berlin : Wem groß nicht groß genug ist

So ziemlich alles an diesem Cadillac SRX ist riesig: der Innenraum mit drei Sitzreihen, der Motor mit seinen acht Zylindern, die Ausstattung. Aber wie kommt man damit durch Berlin?

Gerd Nowakowski

Großartig, dieser Blick in den blauen Winterhimmel, der Innenraum von Licht geflutet. Die Kinder begeistern sich für das riesige Dachfenster, das von vorn bis zur hinteren Sitzbank reicht. Immer wieder lassen sie die Abdeckung wegschnurren und die Sonne aufgehen. Besser kann ein Ausflug in die Kälte nicht beginnen. Extrem gutmütig rollt der schwere Wagen über die vereiste Straße – weit droben über den anderen Autofahrern , mit Allradantrieb und hervorragender Sicht über die Straßen gleitet man entspannt dahin; bestens aufgehoben in dem mit weißem Leder ausgestatteten Fahrzeug. So kann es bis zum Horizont gehen und noch ein Stück darüber hinaus. Ein amerikanischer Traum auf deutschen Straßen. Beim lässigen Cruisen durch die Landschaft sammelt das mächtige Gefährt jede Menge Sympathiepunkte. Wenn, nun ja, es nicht so profane Dinge gäbe wie Eis kratzen vor dem Start. Kleine Menschen können da gleich aufgeben. Für alle anderen gilt: Der Wagen sollte auf jeden Fall gut gewaschen sein. Denn ansonsten wird beim Ausgreifen mit dem Eiskratzer über die riesige Motorhaube hin zur Windschutzscheibe garantiert der Mantel dreckig.

Gewöhnungsbedürftig eben, wie vieles am Cadillac SRX. Aber vielleicht gehen die Konstrukteure ja davon aus, dass Cadillac-Käufer eh’ über eine gut geheizte Garage verfügen und deshalb auch im Winter ohne Scheiben kratzen in den Tag starten können. Bei einem Preis von knapp 50 000 Euro für die Basisversion mit dem Sechszylinder keine ganz abwegige Überlegung. Dafür bekommt der Käufer einen Amerikaner, der mit großzügiger Geste daher kommt, ohne etwas von einer muffigen Altherren-Kutsche mit schaukelnder Federung zu haben. Wer amerikanisches Flair mag, dem wird kuschelig in dem riesigen Innenraum mit der zum Fahrer ausgerichteten Mittelkonsole. Und damit die gutmütige Maschine aufgrollt und hören lässt, wie viel Power unterm Blech steckt, muss man schon sehr stark aufs Gaspedal treten.

Die Chrysler-Ingenieure haben sich vieles einfallen lassen, um den Fahrer zu verwöhnen: eine elektronische Sitzeinstellung mit Gedächtnis für wechselnde Fahrer gehört ebenso dazu wie die Kühlbox in der Mittelkonsole. Da überlässt man gerne der Automatic das Schalten und fährt noch ein paar Kilometer mehr – oder zum Vergnügen auch schon mal am Ziel vorbei. Nur die Frauenstimme aus dem Navigationssystem klingt vorwurfsvoll, wenn nicht wie vorgeschlagen abgebogen wird, und empfiehlt nachdrücklich die Kehrtwende. Ein Spaß, von dem die Kinder nicht genug bekommen können.

Die inneren Werte des (beim Acht-Zylinder) über 300 PS starken Wagens muss man allerdings erst einmal entdecken. Denn beim Blick von außen können Ästheten durchaus die Nase rümpfen. Den Riesen elegant zu nennen, träfe es nicht ganz. Der schwere Wagen wirkt durch seine riesigen glatten Blechflächen und ob des kantigen Profils ziemlich ungeschlacht und massig. So wie ein Bursche vom Lande eben; stark, ungehobelt, aber durchaus mit verstecktem Charme. Drinnen versöhnt viel Platz, der auch den Kindern alle Entfaltungsmöglichkeiten lässt und ein großer Kofferraum. Selbst eine elektrisch ausfahrbare dritte Sitzreihe ist möglich – ideal für größere Familien. Was die Konstrukteure allerdings getrieben hat, den Innenraum scheinbar wahllos mit teilweise unhandlichen Knöpfen und Schaltern zu bestücken, bleibt ein Geheimnis von General Motors. Der Schalter für den Heckscheibenwischer etwa findet sich nach langer Suche über dem Kopf, die Handbremse liegt so nahe bei der Verriegelung für die Motorhaube, dass man beide schon mal verwechseln kann. Eine simple Uhr sucht man vergebens, und am Tankdeckelschloss kann man schier verzweifeln, weil der winzige Extraschlüssel erst nach minutenlangem Ruckeln seinen Zweck erfüllt. Die mächtige Seitenstrebe in Höhe des Kofferraums verstellt außerdem die Sicht nach hinten; und weil auch das Heck kaum einsehbar ist, ist man beim rückwärts Rangieren dankbar für den elektronischen Abstandssensor.

Wer sich aber erst einmal an die Eigenheiten gewöhnt hat, darf sich auf Augenhöhe fühlen mit der bulligen Geländewagen-Konkurrenz von BMW oder Porsche. Mehr noch; neben dem Cadillac sieht ein VW-Touareg fast zartgliedrig aus. Nur müssen sich in der Stadt auch die Nachbarn erst einmal an den Kraftprotz gewöhnen. Müssen wir jetzt anbauen?, fragt die Nachbarin mit abwehrend-skeptischen Blick, als der breite Wagen zum ersten Mal in die Parkbox der Hausanlage rollt, ihren Kleinwagen arg bedrängend.

Der amerikanische Freund macht es einem nicht leicht. Beim Einparken etwa kommt man leicht ins Schwitzen; besonders kleine Menschen. Ein echter Darling für Frauen wird der Cadillac deshalb kaum werden. Wer etwa 1, 55 Meter groß ist, hat nämlich keine Chance, irgendwo ein Ende der ausladenden Motorhaube zu sehen. Pech gehabt. Für einen unerfahrenen Lenker kann deswegen auch die Fahrt ins Parkhaus zum unvergesslichen Erlebnis werden. Da kann man den Allrad-Kombi schon mal verfluchen, Geländetauglichkeit hin oder her. Eng gebaute Spitzkehren in der Parkhausauffahrt lassen sich mit dem fünf Meter langen Wagen nur mit zweimaligen vor- und Rückwärts stoßen meistern. Und die Passagiere steigen am besten aus, bevor man in die Parkbox fährt. Dann braucht sich nur noch der Fahrer aus dem Türspalt quetschen.

Ein echter Stadtwagen sieht anders aus. Das merkt man spätestens an der Tankstelle. Wenn nach wenigen hundert Kilometern plötzlich der Anzeiger auf Null steht und 85 Euro an der Kasse fällig werden, schluckt man unwillkürlich. Man möchte dann urplötzlich gar nicht mehr so genau den Verbrauch wissen. Weit, weit mehr als die angegebenen 16,5 Liter Super sind es in der Stadt garantiert. Dabei fährt sich der Wagen in der Stadt nach kurzer Gewöhnung angenehm leicht. Und beim Wochenendeinkauf oder dem Familienausflug ist der riesige Kofferraum enorm hilfreich. Und auch die schwer vermittelbare Ästhetik des amerikanischen Freundes ist relativ: Plötzlich finden es die Kinder jedenfalls Klasse, von der Schule abgeholt zu werden und hinten erhöht thronen zu können. Wie Bus fahren, nur viel schöner. Auch wegen der beleidigten Frau vom Navi-System.

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