Wende : Ex-Bürgerrechtler kritisieren Umgang der Linken mit 1989

Die Linkspartei würdigt die Demonstration vom 4. November. Das missfällt den einstigen Kritikern des Regimes.

Lars von Törne
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Foto: dpadpa-Zentralbild

Diese Demonstration gilt als ein Höhepunkt der friedlichen Revolution im Herbst 1989, als „das Beste, was die DDR hervorgebracht hat, ein politisches Schlussfeuerwerk“, wie der Mitbegründer des SED-kritischen Neuen Forums, Jens Reich, es genannt hat. Am 4. November vor 20 Jahren gingen Hunderttausende DDR-Bürger in Ost-Berlin auf die Straße, um erstmals offen gegen das SED-Regimes zu demonstrieren. Organisiert hatte den Protest ein Bündnis von Künstlern und Schauspielern auf Initiative des Neuen Forums. Unter den Rednern waren aber auch Vertreter der Regierung, die sich für Reformen aussprachen – und dafür zum Teil ausgepfiffen wurden.

20 Jahre danach plant die Nach-Nachfolgepartei der SED eine „Rekonstruktion“ der Ereignisse. Am 4. November wollen Linken-Politiker wie Gregor Gysi und Lothar Bisky, die – neben zahlreichen SED-kritischen Teilnehmern – bereits vor 20 Jahren auf dem Alexanderplatz sprachen, die Ereignisse Revue passieren lassen, die sie als Ruf nach einer „Demokratisierung der DDR“ in Erinnerung haben, wie es die linksparteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung formuliert, die die ganztägige Veranstaltung am kommenden Mittwoch organisiert. Heute wollen die Veranstalter das Programm vorstellen.

Aus Sicht derjenigen, die vor 20 Jahren gegen die Alleinherrschaft der SED auf die Straße gingen, ist das anmaßend. Die SED-Nachfolgepartei PDS und die daraus hervorgegangene Linke „tut so, als ob sie nichts zu tun hat mit der SED, aus der sie hervorgegangen ist“, sagt Tina Krone, die damals zum Neuen Forum gehörte und heute wissenschaftliche Mitarbeitern der Robert-Havemann-Gesellschaft ist, die die Ausstellung zum Herbst 1989 auf dem Alexanderplatz erarbeitet hat. „Wir haben bei der Vorbereitung der Ausstellung in den Stasiakten nachlesen können, wie die SED damals versuchte, die Demonstration in ihre Kontrolle zu bringen“, sagt Krone.

Krone selbst trug damals ein Transparent mit der Forderung „Öffnet die Archive“. Die Losungen der SED-freundlichen Demonstranten lauteten dagegen unter anderem: „Demokratie ja – Chaos nein“, wie Krone sich erinnert. Der Staat habe versucht, die Demonstration als Ruf nach einer Reform des bestehenden Systems zu instrumentalisieren. Dabei sei für die meisten Demonstranten klar gewesen: „Es kann keine Rückkehr ins System der Einparteienherrschaft geben.“ Vera Lengsfeld, einst Bürgerrechtlerin, dann CDU-Politikerin und jetzt Autorin, sieht die geplante Veranstaltung der Linkspartei als erneuten Versuch der SED-Nachfolger, „sich als Partei des Herbstes 1989 aufzuspielen“ – und damit die Geschichte „umzudeuten und zu verfälschen“. Lengsfeld konstatiert aber auch ein Versäumnis der anderen Parteien, das Erbe der Bürgerrechtsbewegung zu pflegen. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung würdige Politiker wie Gorbatschow, Bush und Kohl als „Maueröffner“ – doch „eine große Veranstaltung für den unbekannten Bürgerrechtler“ vermisst Vera Lengsfeld.

Am heutigen Mittwoch, 19 Uhr, veranstalten der Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen und die Robert-Havemann-Gesellschaft im Studio des Maxim-Gorki- Theaters (Am Festungsgraben 2, Mitte) eine Diskussion zum Herbst 1989 und zum 4. November. Der Eintritt ist frei.

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