Berlin : Wendenschloss: Der mit den kleinen Wellen tanzt

Steffi Bey

Der Fährmann von Wendenschloss fährt am liebsten zurück. Für den 59-jährigen Günter Mittag bedeutet das, Grünau den Rücken zu kehren und Kurs auf Wendenschloss zu nehmen. Wenn er dann nach genau zweieinhalb Minuten das Ufer erreicht hat, macht er eine Verschnaufpause. Eine, bei der er den Motor abstellt, das kleine Fahrerkabuff abschließt und gemütlich zum kleinen Häuschen an der Müggelbergallee läuft. Dort trinkt er seinen mitgebrachten Tee oder hört einfach nur Radio. Eigentlich bräuchte der erfahrene Schiffsführer keine Uhr mehr. Mittag hat es genau im Gefühl, wann er wieder zum Steg muss. "Nach 35 Jahren Erfahrung ist das völlig normal", sagt er bescheiden. Da arbeite man automatisch genau auf die Minute. Sonst würden sich auch seine Kunden beschweren. Schließlich ist Günter Mittag für viele das erste Glied in einer langen Verkehrskette: Wer in Wendenschloss wohnt und beispielsweise in die City muss, nutzt die kurze Überfahrt zur Grünauer Wassersportallee. Denn von dort aus ist es nur noch ein Klacks bis zum S-Bahnhof.

Mittlerweile kennt der Kapitän die meisten Kurzreisenden. Viele haben ein freundliches "Hallo" für ihn übrig, einige reichen ihm die Hand. Und nicht selten wird er beneidet, "für seinen Urlaubsjob", den er angeblich hätte. Über solche Äußerungen kann der Seemann aus Marzahn aber nur lächeln. "Ich bin zwar fast den ganzen Tag an der frischen Luft, aber mit Erholung hat das wenig zu tun", erklärt der Fährmann. Es gibt Tagesabschnitte, da bleibt ihm kaum Zeit "zum Luftholen". Denn im Berufsverkehr füllt sich das 14,70 Meter lange Schiff oft bis auf den letzten Platz. Maximal 48 Personen kann er mitnehmen.

Mittag lässt den Motor an, schließt das Eisengitter und löst mit einem Knopfdruck den großen Elektromagneten. Mit einem Ruck sind Boot und Steg getrennt. Nur wer genau hinhört, nimmt ein dumpfes Geräusch wahr. Aber das fällt schwer, denn der fast 30 Jahre alte Dieselmotor macht einen Riesenkrach. Mittag hat sich daran gewöhnt und spricht halt ein bisschen lauter. Durch seinen rundum verglasten Führerraum kann er den Langen See genau beobachten. Wie von selbst bewegt sich die Fähre um etwa 45 Grad und zeigt mit der Spitze nach Grünau. Genau 32 Mal pro Schicht startet er dieses Manöver. Und während er mit einer Hand das schwarze Lenkrad dreht und mit der anderen den Gashebel bedient, umrahmen kleine Wellen das Schiff. An Bord weht eine frische Brise. Die meisten Fahrgäste vergessen für 400 Meter den Alltag. Sie lehnen sich auf den kunststoffbezogenen Bänken zurück und manche schließen genüsslich die Augen. Erst durch den Ruck, mit dem Günter Mittag anlegt, werden sie von der Wirklichkeit eingeholt. Und dann geht alles wieder ganz schnell. Die einen steigen aus, die neuen Fahrgäste ein. In diesen Tagen wechseln vor allem Ausflügler die Seite. Junge Leute und Rentner, mit Rucksack oder Fahrrad. Sie kommen aus Spandau, Neukölln und aus dem Berliner Umland. Viele wollen "zum Wendenschloss" und sind enttäuscht, wenn ihnen der Fährmann erklären muss, dass es in dieser Gegend noch nie ein Schloss gegeben hat. Um 1870 war allerdings die "Waldgaststätte Wendenschloß" entstanden. Offensichtlich dachte sich der Wirt diesen Namen aus. Es wird vermutet, dass er sich dabei an dem rund drei Kilometer entfernten Schloss Köpenick orientierte und an den Wenden, die einst im nahe liegenden Fischerdorf lebten.

Lothar Ostrzecha aus der Gropiusstadt, gehört seit ein paar Jahren zu den Stammfahrern. Bei schönem Wetter leistet er sich fast täglich die kurze Überfahrt, um dann weiter in die Gaststätte "Rübezahl" zu radeln. "Ich treffe dort Gleichgesinnte und freue mich an der schönen Natur", sagt der Rentner. Manchmal übernimmt Kapitän Mittag auch "Kurierdienste". Dann transportiert er Gegenstände von der einen Seite zur anderen. Das macht der freundliche Schiffsführer gern. Er fühlt sich wohl auf seinem inzwischen recht abgewetzten Kahn und empfindet die Seitenwechsel keinesfalls langweilig. "Es ist schön, so unterschiedliche Menschen kennen zu lernen", sagt er.

Mittag hat Zeit seines Lebens lieber kleine Schiffe bewegt. Er steuerte schon Dampfer auf allen Berliner Gewässern. Auch die Wannsee-Fähre gehörte dazu. Seit 1996 ist die "F12", so die offizielle Bezeichnung, sein Boot. Gemeinsam mit einem Kollegen teilt er sich die Schichten. "Da bleibt leider keine Zeit für dringend notwendige Ausbesserungsarbeiten an der Fähre", bedauert Mittag. Die hätte das Schiff aber dringend nötig. An manchen Stellen ist kaum noch die ursprünglich weiße Farbe zu erkennen. Mittag fährt übrigens das ganze Jahr. Nur bei Nebel und einer Eisschicht von mehr als zehn Zentimetern bleibt er im Hafen. Vor vier Jahren war deshalb fast ein Vierteljahr Pause. Günter Mittag musste zum Innendienst in die Werkstatt der Stern- und Kreisschifffahrt. Schon des Öfteren wurde der Kapitän wegen seines mehr oder weniger berühmten Namens angesprochen. Aber das macht ihm inzwischen nichts mehr aus, schließlich habe er mit dem einstigen DDR-Wirtschaftsboss Günter Mittag nichts zu tun.

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