Berlin : Wenig Mai-Krawall: Polizei fühlt sich in Kreuzberg zu Hause

Veranstalter des linksalternativen Myfests loben die Beamten. Auch die Grünen sind zufrieden

Jörn Hasselmann,Christian van Lessen

Von Jörn Hasselmann und Christian van Lessen

Marc Schulte trug ein grünes T-Shirt mit der weißen Aufschrift „Polizei“. So etwas hätte der Sozialpädagoge, Mit-Initiator des linksalternativen „Myfestes“, früher nie angezogen. Am Montag aber war es für ihn ein „Bekenntnis“ zur Arbeit der Polizei. „Was sie am 1. Mai geleistet hat, war hervorragend und souverän. Hut ab!“ Mit Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) und Festorganisatorin Silke Fischer war Schulte am Montagmittag auf dem Mariannenplatz von Anwohnern begrüßt worden: „Glückwunsch, gut gelaufen!“ Die Bezirkschefin zeigte sich bei ihrer Festbilanz auf dem Platz „glücklich und zufrieden“, dass sich das Myfest im dritten Jahr als interessantes Kulturprogramm etabliert habe und ohne größere Störungen veranstaltet werden konnte. Der Polizei gebühre Lob für den vorbildlichen Einsatz und eine Politik der ausgestreckten Hand. Die Beamten hätten in ein paar brenzligen Situationen sehr besonnen reagiert, das Myfest sei ein richtig schönes Familienfest geworden.

Silke Fischer betonte, es habe sich noch deutlicher als in den Jahren zuvor gezeigt, dass die Kreuzberger hinter dem Fest stünden, dass sich unterschiedliche Gruppen friedlich begegneten und sich auf 21 Bühnen der kulturelle Reichtum des Bezirks zeige. Das Fest habe einen emotionalen Aufschwung genommen. „Wir sind auf dem richtigen Weg, wir machen weiter!“

Das hoffen alle: Der Regierende Bürgermeister dankte den Myfest-Organisatoren für ihr Engagement: „In Berlin wurde in den Mai getanzt – und nicht randaliert.“ Polizeipräsident Glietsch und Innensenator Körting lobten das Myfest, aber auch den Polizeieinsatz, Motto: Die ausgestreckte Hand den Friedlichen, die kompromisslose Festnahme den Randalierern. Wieder waren spezielle Festnahmeeinheiten unterwegs, Videoteams dokumentierten die Straftaten beweissicher. Auch das erfolgreich: Insgesamt wurden 193 Personen festgenommen. Bei 113 von ihnen (29 Walpurgisnacht und 84 Kreuzberg) waren die Vorwürfe so erheblich, dass sie dem Landeskriminalamt überstellt wurden. Und von diesen 113 (108 Männer, 5 Frauen) werden die meisten dem Haftrichter vorgeführt. Am Sonntag wurden Haftbefehle gegen 22 Randalierer aus der Walpurgisnacht erlassen, bei den Festgenommenen vom 1. Mai lagen gestern noch keine Zahlen vor. Für die Verantwortlichen jedenfalls war es der friedlichste 1. Mai seit zwei Jahrzehnten. 1987 hatte es erstmals schwere Krawalle in Kreuzberg gegeben.

Die hohe Zahl der Festnahmen sei angesichts der geringen Sachschäden verblüffend, sagte Körting: „Offensichtlich wurde jeder erwischt.“ Bis auf ein umgestürztes Privatauto und einige beschädigte Polizeifahrzeuge gab es keine Schäden. „Im Vergleich mit den Vorjahren ist das so gut wie nichts.“ Erwartet wird, dass die Zahl der identifizierten Straftäter in den kommenden Tagen und Wochen noch deutlich steigen wird. Im Vorjahr wurden 152 nachträglich erfasst, ein Teil davon über die Fahndungsplakate.

Auffällig war in diesem Jahr, dass die Polizei von vielen Anwohnern geduldet wurde – oder sogar begrüßt. So konnte selbst am späten Abend die Bereitschaftspolizei unbehelligt und ohne Helm durch die Oranienstraße patrouillieren – auch weil sie es unauffälliger und weniger martialisch als früher tat. Einsatzleiter Bernhard Kufka sagte, dass die Polizisten immer wieder entsprechend geschult worden seien. Früher hatte es von Demonstranten oder den Grünen harsche Kritik am überharten Einsatz gegeben – gestern lobte Fraktionschef Volker Ratzmann das „schnelle Eingreifen“ der Beamten.

Diese mussten ihre Helme am Abend doch noch aufsetzen – erstmals, als der militante Block gegen 20.30 Uhr am Mariannenplatz Krawall anzetteln wollte, und dann ab 23 Uhr, als sich in der Oranienstraße einige Dutzend Militante unter die Betrunkenen und Krawallschaulustigen mischten und dort für eine gute Stunde Flaschen flogen – auf Polizisten und auf Passanten. Dazu sagte Körting: „Es gibt Leute, die sich durch nichts von Straftaten abhalten lassen.“ Die Myfest-Organisatoren sprachen von einem „Alkoholproblem“, das noch nicht gelöst sei.

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