Berlin : Weniger Blech!

Die Kinder sind mitten auf der Straße angekommen, da springt die Ampel um und die Fahrer geben Gas. In Berlin bekommen Autos zu oft Vorfahrt. Ein Plädoyer für eine menschenfreundlichere Verkehrspolitik

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Dreizehn Sekunden. So viel Zeit haben wir jeden Morgen, um die sechsspurige Straße in einer Grün-Phase zu überqueren. Ich nehme meinen Sohn an die Hand, wir sprinten los, wenn wir auf der anderen Seite ankommen, springt die Ampel wieder auf Rot. Dreizehn Sekunden, ich habe die Zeit gestoppt. Die Ampel an der Martin-Luther-, Ecke Barbarossastraße liegt für viele Kinder der Schöneberger Scharmützelsee- und der Löckwitzschule auf dem Schulweg. Grundschulkinder, Alter: ab sechs.

Die Martin-Luther-Straße verknüpft die Stadtautobahn vom Innsbrucker Platz aus mit der sogenannten City West um den Kurfürstendamm. Im Behördenjargon gilt sie als „überbezirkliche Hauptverbindungsstraße“. Das heißt: Hier haben Autos Vorfahrt. Morgens ist der Druck besonders groß. Die Fahrer geben Gas, sie müssen zur Arbeit, manche halten sich nicht an die Höchstgeschwindigkeit, sie benutzen auch die Busspur, die wochentags nur zwischen 14 und 18 Uhr für sie gesperrt ist. Eine Ecke weiter, an der Hohenstaufenstraße, wo sich die Kreuzung platzartig erweitert, fahren die Autos oft schon an, wenn die Karawane der Kinder erst mitten auf der Straße angekommen ist. Platz da, jetzt komme ich. Röhrendes Platzhirschverhalten. Haben die Schüler, für die der Unterricht um 8.15 Uhr beginnt, etwa keinen Druck? Oder ist ihre Pünktlichkeit weniger wichtig?

Seit fast anderthalb Jahren gehe ich nun diesen Schulweg mit meinem Sohn, und ich merke, wie ich inzwischen dabei bin, zum Wutbürger zu werden. Wütend bin ich auf die Ampel und den gnadenlosen Takt ihrer Schaltung, auf die Autofahrer mit den schlecht gelaunten Gesichtern hinter den Windschutzscheiben, vor allem aber auf eine Verkehrspolitik, die, so empfinde ich es, lakaienhaft den Interessen der Stärkeren dient.

Wut bringt in Wallung, Wut verzerrt. Vielleicht werde ich statt zum Wutbürger bloß zum Erbsenzähler. Schon ertappe ich mich dabei, wie ich an der Ampel die vorbeirasenden Autos mustere. Warum, grrr, sitzt da meist nur ein einsamer Mensch drin? Stichprobe an einem Mittwochmorgen, halb 9. Bei 20 Autos, die auf der Martin-Luther-Straße in Richtung Urania fahren, ist in 17 Autos bloß der Fahrer unterwegs, in 3 Autos gibt es einen Beifahrer. Was für eine Verschwendung von Raum und Energie. Könnten sich die Leute nicht zusammentun, gibt es nicht U- und S-Bahnen, Busse? Fantasiere ich schon wie ein Öko aus den 80er Jahren? Eine moderne Verkehrspolitik müsste an einer intelligenten Verbesserung des Öffentlichen Nahverkehrs arbeiten, bestehende Angebote mit Carsharing und Elektromobilität vernetzen, Radwege ausbauen.

In Berlin, fürchte ich, wird daraus nichts. Klaus Wowereit ist, ähnlich wie einst der Autokanzler Gerhard Schröder, ein Freund des Pkws. Den Grünen hat er nach den abgebrochenen Koalitionsverhandlungen vorgeworfen, investitionsfeindlich und rückwärtsgewandt zu sein. Das Gegenteil stimmt. Wowereit selbst ist ein rückwärtsgewandter Nostalgiker, wenn er den Weiterbau der A 100 als Zukunftsprojekt anpreist. Die Verlängerung der Stadtautobahn ist planerisch „tief in der Vorwendezeit West-Berlins“ stecken geblieben, mit ihr verbindet sich „die Fortschrittsidee der fünfziger Jahre“. Das sage nicht ich, sondern der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann, ein SPD-Mitglied.

Die Wowereit-SPD und ihre neuen Verbündeten von der CDU treten floskelhaft für eine verkehrsberuhigte Innenstadt ein, setzen aber weiter auf die Ringautobahn, als sei Berlin eine Insel. 420 Millionen Euro für 3,2 Kilometer wird, vorsichtig geschätzt, die Vollendung der A100 kosten. Der Applaus vom ADAC ist den Berliner Beton-Politikern sicher, einer Organisation, deren armseliger Freiheitsbegriff sich bis heute auf die Formel „Freie Fahrt für freie Bürger“ reduziert.

London, eine wirklich moderne Metropole, verbannt Autos aus der City, von der Fahrrad-Hauptstadt Amsterdam ganz zu schweigen. Unserer Gegenwart, heißt es oft, fehle der Mut zur Utopie. Hier meine Utopie, sie stammt von der Alternativen Liste aus dem Jahr 1984: Berlin als autofreie Stadt.

Ich mustere

die Autos.

Warum, grrr,

sitzt da meist

nur ein einsamer Mensch drin?

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