Berlin : Weniger Geld für gleiche Arbeit

15 Jahre nach dem Mauerfall verdienen viele Ost-Berliner immer noch schlechter als ihre Westkollegen: Ein Ost-Bäcker fast 300 Euro

Alexander Visser

„Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ – die vom früheren Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen ausgegebene Losung für Berlin ist bis heute nicht umgesetzt. Auch 15 Jahre nach dem Fall der Mauer verdienen viele Ost-Berliner deutlich weniger als ihre Westkollegen. „Auch wenn die Tarifverträge in vielen Branchen angeglichen wurden, liegt der Effektivlohn in den Ostbezirken häufig unter Westniveau“, sagt Wirtschaftsforscher Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Gornig ist einer der Autoren einer DIW-Studie, die – wie berichtet – für ganz Deutschland beim Verdienst ein West-Ost-Gefälle von 20 Prozent ermittelt hat. „Das Gefälle besteht auch in Berlin fort, wenn auch in vielen Branchen weniger deutlich als im Rest der Republik“, stellt Gornig fest.

Ein Bäckergeselle in Charlottenburg verdient etwa bei 38 Wochenstunden tariflich 1700 Euro monatlich, ein Treptower Bäcker bei 40 Stunden Arbeitszeit nur 1410 Euro. „Dagegen verdienen tariflich bezahlte Angestellte in Hotels und Gaststätten in beiden Stadthälften bei gleicher Arbeitszeit gleich viel“, sagt Sebastian Riesner von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten. In manchen Branchen habe es auch eine Annäherung auf dem niedrigeren Ostniveau gegeben: „Zum Beispiel wurden bei den Brauern über die Jahre die Besitzstände West abgebaut“, sagt Riesner.

Ein Industriearbeiter mit 35 Wochenstunden kommt dem statistischen Landesamt zufolge im Westen im Schnitt auf 2553 Euro monatlich, im Osten nur auf 2328 Euro, obwohl der 38 Stunden arbeitet. „Das liegt daran, dass im Osten häufig nach unten vom Tarif abgewichen wird und im Westen eher Zuschläge gezahlt werden“, sagt Bernd Gruppa vom IG-Metall-Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen. Bei seiner Gleichheitslosung hatte Diepgen vor allem an die öffentlich Bediensteten gedacht. Doch auch da ist die beabsichtigte Gleichstellung nicht überall vollzogen. Angestellte Lehrer verdienen in beiden Stadthälften gleich viel. Wegen unterschiedlicher Beiträge zur Altersvorsorge bleibt angestellten Lehrern in Ost-Berliner Schulen netto sogar etwas mehr als in den Westbezirken. Dagegen sollen Ostbeamte erst 2009 so viel verdienen wie Westbeamte. Heute ist das Ostgehalt noch 7,5 Prozent niedriger: Ein Grundschullehrer Ende 30, der in einem Ostbezirk verbeamtet wurde, verdient 2545 Euro. Der Kollege mit Abschluss West verdient an der gleichen Schule 2750 Euro.

„Es ist ein Unding, dass die Ost-Berliner immer noch weniger verdienen“, sagt der Berliner DGB-Sprecher Dieter Pienkny. Die Gehaltsunterschiede seien in der Hauptstadt besonders ärgerlich, da Ost und West nirgendwo in Deutschland so eng beieinander lägen. „Jetzt rächt sich, dass nicht alle Gewerkschaften nach der Wiederververeinigung einen Stufenplan zur Angleichung erstritten haben.“

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