Berlin : Weniger Gewalt an Berliner Schulen

Nach Erfurt: 15 neue Psychologen eingestellt

Tanja Buntrock

Nach dem Amoklauf von Erfurt am 26. April 2002 sollte an deutschen Schulen vieles anders werden. Was also hat sich verändert in Berlin, ein Jahr danach? „Die Berliner Schulen sind mit Sicherheit kein Gewalt-Brennpunkt“, sagt Kriminalhauptkommissarin Christine Burck, die spezialisiert ist auf Jugendkriminalität. Für das gesamte Jahr 2002 zählt die Polizeistatistik 310 Jugendgruppengewalt-Delikte an Schulen. Das sind 65 weniger als im Vorjahr. Die Jugendlichen benutzten dabei in 764 Fällen Stichwaffen (497 im Vorjahr), in 239 Fällen Schusswaffen (243 im Vorjahr) und in 195 Fällen Hiebwaffen, also Schlagstöcke etc. (284 im Vorjahr). Insgesamt ist die Zahl der Fälle von Jugendgruppengewalt um 38 auf 8541 gesunken. „Wir können von Seiten der Polizei keinen Zusammenhang zur Bluttat in Erfurt herstellen“, sagt Burck. Brennpunkte, an denen Jugendliche gewalttätig werden, seien weniger Schulen als vielmehr zentrale Treffs von Jugendlichen wie Einkaufszentren, Internet-Cafés, einzelne Jugendeinrichtungen oder die bei jungen Menschen beliebten Autoscooter-Stände der Jahrmärkte.

Die Statistik der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport zählt nur die Vorfälle der einzelnen Schuljahre – also von Sommer zu Sommer. Die Zahlen von 2001/2002 besagten, dass es 254 gemeldete Gewaltvorfälle an Berliner Schulen gab. 26 Mal waren dabei Waffen im Spiel. Im Jahr zuvor waren es noch 270 gemeldete Fälle, 30 davon mit Waffen. Allerdings sind in dem genannten Schuljahr in 71 Fällen Lehrer bedroht worden, im Vorjahr waren es nur 65 Fälle. Die Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung, Rita Hermanns, sagt: „Nach der Bluttat von Erfurt hat es einen Anstieg bedrohlicher Äußerungen gegenüber Lehrern gegeben.“ Dazu gehörten beispielsweise Sätze wie „Denk’ an Erfurt, ich mach’ euch alle fertig“ oder „Ich bring’ euch alle um“. Mehr als die Hälfte der Vorfälle dieser Art, nämlich 38, weist die Statistik für Mai 2002 aus – also für die Zeit unmittelbar nach Erfurt. „Der Mai war der Höhepunkt“, sagt Hermanns, „die Lehrer hatten nach dem Erfurter Amoklauf viel mehr Angst und waren sensibilisierter. Das heißt: Sie haben solche Drohungen wahrscheinlich eher als früher gemeldet.“ Andererseits hätten einige Schüler Spaß daran gefunden, sich als „Trittbrettfahrer“ aufzuspielen, also den Erfurter Amoklauf für ihre Drohgebärde zu missbrauchen, um eigenen Frust abzulassen.

Kurz nach Erfurt hatte Schulsenator Klaus Böger (SPD) angekündigt, 15 neue Schulpsychologen in den Bezirken einzustellen, die auf Gewaltprävention spezialisiert sind. Seit Januar seien die Psychologen in den schulpsychologischen Beratungsstellen der Bezirke im Einsatz. Ihr Konzept heißt „Gewaltprävention und Krisenintervention“. „Eine ihrer Hauptaufgaben ist es, den Kontakt zwischen den Jugendämtern, Schulen und Jugendbeauftragten der Polizei sowie Jugendeinrichtungen aufzubauen, um sie besser miteinander zu vernetzen“, sagt Hermanns. Ihre andere Aufgabe, Krisenintervention, heißt: direkt mit gewalttätigen Schülern zu sprechen und auf sie einzuwirken.

Allerdings bezeichnet Ilse Schaad, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Einstellung von 15 neuen Schulpsychologen lediglich als Mogelpackung. Eine große Zahl der Stellen in den schulpsychologischen Diensten sei in der Zwischenzeit abgebaut worden. Somit gibt es letztlich weniger Schulpsychologen als vor Erfurt. Allerdings hält die Schulverwaltung dagegen, dass die neu eingestellten Kräfte ausschließlich auf Gewaltprävention spezialisiert sind.

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