Berlin : Weniger Maueropfer als bisher angenommen

Forscher: 125 erschossene DDR-Flüchtlinge in Berlin bislang nachgewiesen. Meldungen von weiteren 62 Todesfällen waren falsch

Christoph Stollowsky

Wernhard Mispelhorn starb am 17. August 1964 bei einem Fluchtversuch in Prenzlauer Berg. Zwei DDR-Grenzer töteten ihn mit Schüssen in den Hinterkopf. Seiner Mutter teilte die Stasi mit: „Ihr Sohn starb an den Folgen einer Kopfverletzung, die er sich bei einem versuchten Grenzdurchbruch zuzog.“ Dann wurde die Frau zu Stillschweigen verpflichtet. Ein Fall von 125 inzwischen eindeutig nachgewiesenen Todesfällen an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989. Mit Sicherheit starben dort noch mehr Menschen bei Fluchtversuchen, doch die genaue Zahl ist auch 16 Jahre nach der Wende noch nicht exakt ermittelt. „Die Gesamtzahl wird aber nicht so hoch sein wie bisher angenommen“, sagten gestern Mitarbeiter des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und der Gedenkstätte Bernauer Straße.

Seit einem Jahr werten die Potsdamer Forscher im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit der Gedenkstätte und dem Dokumentationszentrum in Wedding alle Informationen über Berliner Maueropfer aus, die in verschiedenen Publikationen seit der Wende auftauchen. Erstmals will man dabei wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über deren genaue Zahl, die Todesumstände und die Lebensgeschichten gewinnen. Das vom Bund mit 260 000 Euro unterstützte Vorhaben soll Ende 2007 abgeschlossen sein. In seiner gestrigen Zwischenbilanz erklärte das Team, man wolle neben den Zahlen nun auch „die Erinnerung an die Opfer“ in den Blickpunkt rücken.

Deren Schicksale sollen ab 2008 in zusätzlichen Räumen in der Gedenkstätte dokumentiert werden. Außerdem will man die Biographien aller Toten auf der schon existierenden Website www.chronik-der-mauer.de und in Handbüchern veröffentlichen sowie in einem „Totenbuch“, das an der Mauergedenkstätte im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Parlamentsviertels ausgelegt wird.

Seit der Wende gab es schon mehrere Versuche, die tragischen Geschehnisse in einem Gesamtüberblick zu erfassen. Darum bemühten sich die Berliner Staatsanwaltschaft, die Zentrale Erfassungsstelle für Menschenrechtsverletzungen an der Mauer in Salzgitter sowie Buchautoren und die „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ des verstorbenen Gründers des Checkpoint Charlie-Museums, Rainer Hildebrandt. Die angenommenen Todeszahlen schwankten zwischen 80 und mehr als 200 auf der Hildebrandt-Liste.

Exakte Erkenntnisse waren laut Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Forschungszentrum bislang oft nicht zu gewinnen, „weil die DDR etliches verschleiert hatte“. Außerdem durfte niemand die Verfahrens- und Ermittlungsakten zu den Mauerschützenprozessen bis zu deren Abschluss einsehen.

So mussten man sich „oft mit dem Hörensagen“ begnügen. 62 im Rahmen des Forschungsprojektes untersuchte mutmaßliche Todesfälle, die in verschiedensten Listen genannt werden, erwiesen sich deshalb als unzutreffend – so ein Vorfall von 1961, bei dem zwei Männer nach Angaben der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ beim Durchschwimmen der Spree angeblich erschossen wurden.

Wichtigste Quelle der Wissenschaftler sind aber die inzwischen freigegebenen Akten der Mauerschützenprozesse. 81 Verdachtsfälle auf Todesschüsse sollen im Verlauf des Projektes noch überprüft werden, dabei könnte sich die Gesamtzahl der nachgewiesenen Opfer weiter erhöhen. Dass besonders jüngere Männer zu fliehen versuchten, geht schon aus den jetzigen Zahlen hervor: 80 Prozent der 125 dokumentierten Opfer waren jünger als 30, nur acht weiblichen Geschlechts.

„Vielleicht haben wir erst jetzt den geeigneten zeitlichen Abstand, um die Tragödien aufzuarbeiten“, erklärte das Wissenschaftler-Team. „Erst wollte man die Täter strafen, jetzt geht es um die Opfer.“

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