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Weniger Züge politisch gewollt : Senat lenkte S-Bahn in die Sparspur

 03.02.2013 23:00 Uhr
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Gutachter analysierten 2003 im Auftrag der Finanzverwaltung das „Einsparpotenzial“ bei der Berliner S-Bahn. Die Geschäftsführung setzte die Ergebnisse später weitgehend um – und fuhr damit in die große Krise.

Zu wenig Züge. Noch auf Jahre werden der S-Bahn Fahrzeuge für den vom Land Berlin bestellten Verkehr fehlen. Das Verschrotten von Fahrzeugen war dem Senat bereits 2003 von Gutachtern empfohlen worden – wie es das Unternehmen später auch umgesetzt hat. Foto: dpa
Zu wenig Züge. Noch auf Jahre werden der S-Bahn Fahrzeuge für den vom Land Berlin bestellten Verkehr fehlen. Das Verschrotten von Fahrzeugen war dem Senat bereits 2003 von... - Foto: dpa

Es waren harsche Sätze nach den wieder gehäuften Zugausfällen bei der S-Bahn in den vergangenen Wochen: „Der Senat wird es nicht hinnehmen, dass die S-Bahn-Geschäftsführung Dienst nach Vorschrift macht und die Fahrgäste auf der Strecke bleiben. Wir werden die Berichtsanforderungen an die S-Bahn erhöhen und die Kontrolle durch externe Experten wieder aufnehmen,“ hatte der Staatssekretär der Senatsverkehrsverwaltung, Christian Gaebler, verärgert angekündigt. Die Weichen für die Misere hat allerdings der Senat selbst mitgestellt, wie ein Papier von 2003 zeigt, auf das der Tagesspiegel jetzt bei Recherchen gestoßen ist.

Heute will man davon nichts mehr wissen.

Im September 2009 hatten von der Finanzverwaltung unter der Leitung von Thilo Sarrazin (SPD) beauftragte Gutachter Einsparungen bei der S-Bahn vorgeschlagen, die später vom Unternehmen zum Teil umgesetzt worden sind – und die Krise der S-Bahn wesentlich mitbeeinflusst haben. Der Senat wollte damals bei den Verhandlungen zum Verkehrsvertrag seine Zuschüsse für den Betrieb kürzen und ließ als Grundlage von Experten das „Einsparpotenzial“ bei der S-Bahn analysieren. Später nutzte der Bahnkonzern dieses „Einsparpotenzial“, um mit Gewinnen aus der S-Bahn, die an den Konzern weitergereicht werden mussten, die eigene Bilanz zu verschönern. Die Senatsgutachter hatten, bezogen auf das Jahr 2003, ein „Einsparpotenzial“ bei der S-Bahn in Höhe von rund 76,8 Millionen Euro ermittelt. Auch mit Hinweis auf diese Zahlen war es dem Senat dann gelungen, die Zuschüsse zu reduzieren.

Radikal sparen wollten die Gutachter bereits damals bei den Fahrzeugen. Im Einsatz bleiben sollten nur noch die 500 Doppelwagen der damals neuen Baureihe 481, deren Probleme bei der Technik und der Wartung im Sommer 2009 die immer noch anhaltende Krise auslösten. Die jeweils in den Achtzigerjahren für die BVG im Westnetz und für die Reichsbahn für die östlichen Strecken entwickelten Baureihen 480 und 485 sollten alle verschrottet werden, hatten die Gutachter vorgeschlagen.

Allein durch den Einsatz von Zügen mit weniger Wagen ließe sich der Bestand der Fahrzeuge laut Gutachten um 173 Doppelwagen reduzieren. Die Analysten schlugen vor, den „durchschnittlichen Behängungsgrad“ der Züge um 27,5 Prozent zu reduzieren. Ein von der S-Bahn geplanter Kauf von neuen Fahrzeugen ab 2009 wurde von den Gutachtern „eliminiert“, wie es in deren Papier heißt. Heute läuft beim Fahrzeugkauf die Zeit davon, so dass von 2017 an mit einem noch größeren Wagenmangel als derzeit gerechnet werden muss.

Dass bei Zügen mit weniger Wagen in Spitzenzeiten die Zahl der Sitzplätze nicht mehr reichen würde, nahmen die Gutachter in Kauf. Bei einer Reisezeit von durchschnittlich 15 Minuten sei das Fahren im Stehen zumutbar.

Die Gutachter wollten auch die Fahrzeug-Reserven kappen – um 71 Doppelwagen. Zehn Prozent des „Dienstplanbedarfs“ hielten sie für ausreichend. Der Reservebestand war damals noch fast doppelt so hoch. Weil es weniger Fahrzeuge geben sollte, sahen die Gutachter auch Stellenstreichungen bei den Beschäftigten in den Werkstätten vor; 295 Mitarbeiter hielten die Gutachter für überflüssig. Insgesamt sollten durch den Einsatz der kürzeren Züge und die reduzierten Instandhaltungskosten demnach 46,5 Millionen Euro gespart werden. Auch von Triebfahrzeugführern sollte sich die S-Bahn trennen. Sie wollte bis 2008 insgesamt 33 Stellen abbauen, die Gutachter hielten 98 für möglich.

Die S-Bahn setzte nach Abschluss des Verkehrsvertrags diese Vorschläge weitgehend um. Mitarbeiter wurden geschasst, Fahrzeuge verschrottet und Werkstätten geschlossen. Erst mit der Krise 2009 begann das Umdenken. Immerhin behielt das Unternehmen statt der von den Gutachtern für ausreichend gehaltenen 500 Doppelwagen noch 650 im Bestand. Um wie vor der Krise fahren zu können, sind 546 erforderlich. Für die vom Senat bestellte Leistung müssten 562 Doppelwagen unterwegs sein.

Hätte die S-Bahn die Vorschläge der Gutachter komplett übernommen, wäre der Fahrzeugmangel also heute noch größer, als er es ohnehin ist. Und die Kritik des Senats vermutlich auch.