Berlin : Wenn alles erstarrt

Berlin ist gnadenlos zu dem, der den Betrieb aufhält. Christiane Schachtschneider ist 47 und hat Parkinson – Schüttellähmung. Unter Pillen bewegt sie sich wie betrunken, und die Menschen schauen weg. Wie das Leiden ein Leben erobert

Constanze von Bullion

So eine Pillendose kann unzugänglich sein wie ein Mauseloch. Dann stochert der Finger und bohrt, fischt steif nach einer Tablette und kriegt sie nicht zu fassen. Irgendwann verliert er schließlich die Geduld und schleudert mit einem kleinen Ruck ein paar Pillen heraus. Das sind so die Momente, sagt Christiane Schachtschneider, in denen die Leute denken, sie sei betrunken oder nicht bei Trost.

Christiane Schachtschneider ist nicht betrunken und auch sonst nicht weiter wunderlich, es ist neun Uhr morgens, sie kniet in ihrer Küche und will eigentlich einen Kaffee trinken. In winzigen Schritten ist sie eben zur Kaffeemaschine getippelt, hat etwas ungelenk Wasser eingefüllt und dabei versucht, den linken Fuß zu entlasten. Er hat jetzt dieses störrische Eigenleben entwickelt und rollt sich ein, als wollte er sich verkriechen.

Die stattliche Frau, der das ungehorsame Körperteil gehört, kennt solche Zustände und weiß, was sie zu tun hat. Statt das Kaffeepulver in die Machine zu löffeln, sinkt sie unvermittelt auf die Knie und angelt nach der Pillendose auf dem Tisch. Anders, sagt sie, ist der Schmerz nicht auszuhalten.

Christiane Schachtschneider hat Parkinson im neunten Jahr, sie hat die Krankheit mit 38 bekommen und beobachtet nun, wie sie ihren Alltag erobert. Dass ihr Leben nicht mehr ist wie es mal war, das sieht man auch der Wohnung in Kreuzberg an, wo jetzt überall Lücken klaffen. In den Regalen fehlen Bücher und im Wohnzimmer das Klavier. Sie hat begonnen, die schönen Sachen zu verkaufen, und im Arbeitszimmer stapeln sich Papiere auf dem Boden. Christiane Schachtschneider braucht Hilfe, sie sagt es selbst. Das zuzugeben hat sie Jahre gekostet, und die Geschichte, die sie zu erzählen hat, ist die eines Kampfes.

Sie ringt ja nicht nur mit sich selbst und mit den Gemeinheiten, die der Genosse Parkinson ihr zumutet. Es sind auch die Menschen um sie herum, mit denen sie jetzt öfter Ärger hat.

Kann schon sein, sagt Christiane Schachtschneider, dass es manchmal auch an ihr selbst liegt. Daran, dass sie nicht gewohnt ist, zu bitten. Sie war eben immer so selbstständig – eine, die ihr Leben früh in die Hand genommen hat.

Als sie jung war, ist sie von Berlin nach London gezogen, nach Kapstadt und durch die halbe Welt. Mit 30 hat sie ihr Abitur nachgeholt und mit 34 Archäologie studiert. Sie hatte den Magister noch nicht, als plötzlich die rechte Hand den Dienst versagte. „Du bleibst stehen“, sagt sie. „Das kann man nicht beschreiben.“

Morbus Parkinson bedeutet: Schüttellähmung. Die Krankheit beginnt im Kopf, in der so genannten „Substantia nigra“, der Schwarzen Substanz des Großhirns, wo Zellen sterben, die den Botenstoff Dopamin herstellen – nur warum sie sterben, weiß keiner genau. Dopamin ist für die Übertragung von Impulsen zuständig und regelt, kurz gesagt, das Tempo der Körperbewegungen. Fällt der Stoff aus, werden Bewegungen abgebremst, verzögert oder sogar blockiert. Konsequenz: Kontrollverlust, Zittern, versteifte Muskeln.

Christiane Schachtschneider versucht jetzt, sich daran zu gewöhnen, dass ihr Leben in „On- und Off-Phasen“ zerfällt. In den On-Phasen funktioniert ihr Körper wie geölt, in den Off-Phasen stottert er, als wäre Sand im Getriebe. Manchmal liegt sie Stunden im Bett oder auf dem Boden, bis ihre Haushaltshilfe kommt oder die Feuerwehr.

Sie steht auf, geht nach nebenan, kommt mit Papieren zurück. Es sind Atteste, dass sie nicht simuliert. Und ein Brief von einem Mann, der sich für ihre tolle Berlin-Führung bedankt. Christiane Schachtschneider ist Reiseleiterin, zuletzt hat sie amerikanische Manager durchs Kanzleramt geführt. Bis diese eigenartige Entfremdung einsetzte. Vom eigenen Körper. Und von den Menschen.

Natürlich hat sie damals längst gewusst, dass sie Parkinson hat. Aber sie hat es acht Jahre lang ignoriert, „total verdrängt“. Sie hat nur gemerkt, dass sie langsamer wurde und um vier Uhr morgens aufstehen musste, um um neun Uhr fertig zu sein. So ein Knopf kann sie stundenlang aufhalten, und manchmal lässt sie ihn dann einfach fahren und hofft, dass der Pulli die offene Hose verdeckt. Irgendwann fing sie dann an, bei Führungen die Schuhe auszuziehen wegen der Schmerzen, und lief barfuß durchs Museum. Sie bemerkte kaum, dass ihr Gang wackelig wurde, dass sie manchmal undeutlich sprach. Immer öfter kam sie zu spät, weil sie es schneller nicht schaffte. Da war für ein paar Kollegen alles klar. Sie sei schon morgens betrunken, tuschelten sie.

Christiane Schachtschneider hat damals nicht die Kraft gehabt, sich zu wehren. „Ich dachte immer, ich pack es“, sagt sie. Aber sie packte es nicht. Rechnungen und das Geschirr begannen, zu Stapeln anzuwachsen, sie sah es, sie war entsetzt – und konnte es nicht ändern. „Damals hatte ich so wahnsinnig Angst“, sagt sie, „weil doch niemand etwas machen kann“.

Das stimmt nicht ganz, denn Parkinson gehört zu den Krankheiten, deren schlimmste Symptome sich viele Jahre hinauszögern lassen, wenn man sie früh und zielgenau behandelt. Mit so genannten Dopaminagonisten etwa kann man die brachliegende Dopaminproduktion anregen, und auch Krankengymnastik hilft, gesunde Gehirnzellen zu aktivieren und in das Bewegungsnetz einzubeziehen.

Christiane Schachtschneider macht zur Zeit keine Gymnastik und statt zwei Mal täglich nimmt sie ihre Tablette alle zwei Stunden. Sie weiß, dass das gefährlich ist, aber die Pillen lassen die Erstarrung abfallen, sagt sie, befreien sie von Schmerzen und aus diesen absurden Situationen.

Sie ist ja in der glücklichen Lage, dass ihr Leiden noch nicht allzu weit fortgeschritten ist. Das hat aber zur Folge, dass sie nicht als Kranke wahrgenommen wird, sondern als Säuferin, Junkie oder Pennerin. „Die ist doch voll wie ein Eimer“, hat neulich einer gesagt, als sie sich vor ihm eine U-Bahn-Treppe hochkämpfte. Taxis halten oft gar nicht erst an. Und dann gibt es Situationen, in denen sie nur noch brüllt. Neulich etwa musste sie sich auf die Straße legen, weil die Beine wegsackten. Da kam einer – aber nicht, um zu helfen, sondern um sie anzugrapschen. Oder dieser Tag, an dem sie im Pfandhaus ein paar Uhren versetzt hat und auf dem Heimweg überfallen und ausgeraubt wurde.

„Die Körpersprache“, sagt Christiane Schachtschneider, „diese Starre, das drückt Schwäche aus.“ Sie hat neuerdings Angst vor den türkischen Jugendlichen, weil die sie so oft verspotten.

Es klingelt. Draußen steht ein Taxifahrer, der ziemlich wütend aussieht. Sie schulde ihm Geld, schimpft er, für eine Taxifahrt vor Monaten. Schachtschneider diskutiert ein bisschen, steigt dann ein und fährt mit zur Bank. 17 Euro braucht sie, aber der Automat spuckt nichts aus. Also muss sie es sich borgen. Das tut sie öfter. Sie lebt von Hartz-IV-Geld, das vorn und hinten nicht reicht. Also pumpt sie sich was, manche Freunde bringen Essen, andere ein paar Geranien. Das ist nett. Aber: „Ich hasse Geranien“, sagt Christiane Schachtschneider, „und ich möchte auch gern mal essen, was mir schmeckt.“ Auch eine Behinderte hat doch das Recht, sie selbst zu bleiben, findet sie.

Auf dem Heimweg von der Bank, an einem Kanal entlang, zieht sie unvermittelt einen Schuh aus und hüpft auf dem anderen weiter. Sie achtet nicht auf die Blicke der Leute, und als sie wieder im Hausflur steht, fragt sie einen Nachbarn, ob er ihr mal wieder eine Zeitung bringen könne. Doch, wird sie später zugeben, sie ist etwas fordernder geworden, „natürlich“. Ihr passt es ja selbst nicht, dass sie dauernd um etwas bitten muss – und Dankbarkeit erwartet wird. Wozu braucht sie Kerzen, fragen die Leute, wozu braucht sie eine Faxrolle oder ein Fahrrad? Sie braucht sie eben. Es ist noch nicht lange her, da war Christiane Schachtschneider eine, die grün wählte, sich für Minderheiten einsetzte und Obdachlosen Geld gab. Jetzt, plötzlich, gehört sie selbst zu den Bedürftigen und versteht nicht, was das für eine Gesellschaft ist, die die Schwächsten in ihren Reihen so grob abserviert.

Aber es gibt nicht nur Kummer in ihrem Leben, und wer sie fragt, ob sie eigentlich einen Freund hat, sieht ein freches Lachen und hört: „Zwei sogar.“ Das macht sie fröhlich, und in solchen Momenten macht sie Pläne. Irgendwie will sie sich jetzt Heimarbeit beschaffen. Vielleicht Antiquitäten aufarbeiten? Irgendwas jedenfalls, das denen da draußen beweist, dass sie ihr Leben nicht aus den Händen gibt. Wenigstens das.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben