Berlin : Wenn Altenpflege aggressiv macht

Projekt bietet Beratung für Angehörige und Betreuer in Senioreneinrichtungen

Sigrid Kneist

Der Titel ist provokant: „Manchmal möchte ich zuschlagen“ heißt die Informationskampagne von „Pflege in Not“, einer Beratungsstelle des Diakonischen Werkes bei Konflikt und Gewalt in der Pflege älterer Menschen. „Machen wir uns nichts vor. Gewalt gegen alte Menschen in der Pflege ist ein Thema, das uns seit vielen Jahren begleitet“, sagt Susanne Kahl-Passoth, Direktorin des Diakonischen Werkes. Immer wieder gibt es spektakuläre Fälle, die vor Gericht landen.

Seit sieben Jahren gibt es das Projekt, jetzt soll es durch neue Kooperationen auf eine breitere Basis gestellt werden. Die Allgemeine Ortskrankenkasse will gemeinsam mit „Pflege in Not“ Kurse für pflegende Angehörige mit besonderen seelischen Belastungen anbieten. Auch die evangelischen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wollen nach den Worten des Verbandsvorsitzenden Elimar Brandt gemeinsame Fortbildungen für die Mitarbeiter anbieten.

Seit 1999 hätten 8000 Menschen Hilfe gesucht, sagt Dorothee Unger von „Pflege in Not“. In den ersten Jahren wandten sich vor allem Angehörige an die Beratungsstelle, inzwischen nehmen auch immer mehr Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen das Hilfsangebot an. Wie Unger sagte, sind die Ursachen für Aggressionen vielfältig. Oft bilden Überforderung, die lange Zeit der Pflege, die finanzielle Belastung, die Isolation der alten Menschen und die mit einer Demenzerkrankung einhergehenden Schwierigkeiten Konfliktpotenziale. Zudem führen bestimmte familiäre Beziehungen, die schon in der Vergangenheit schwierig waren, gerade bei pflegenden Angehörigen zu Problemen und könnten Aggressionen wecken. Das Projekt bietet dann die Möglichkeit zu Kursen und Einzelgesprächen oder versucht als Mediator zwischen alten Menschen und Angehörigen oder auch im Gespräch mit den Pflegeeinrichtungen die Situation zu entschärfen.

Gewalt in der Pflege alter Menschen spielt sich nach Auffassung von Gina Graichen, Leiterin des Kripo-Dezernates Misshandlung von Schutzbefohlenen, häufig in einer Tabuzone ab. Allerdings hat sie die Erfahrung gemacht, dass es in den letzten Jahren einen leichten Anstieg der angezeigten Taten gegeben hat, da auch in diesem Bereich die Menschen inzwischen ein wenig genauer hinschauen und Missstände melden.

In Berlin sind nach Angaben von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner 80 000 Menschen pflegebedürftig, davon werden 60 000 zu Hause von Angehörigen betreut. Die Senatsverwaltung unterstützt das Projekt „Pflege in Not“ mit jährlich knapp 60 000 Euro.

Das Beratungstelefon von „Pflege in Not“ ist montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr unter der Nummer 6959-8989 zu erreichen. In der übrigen Zeit ist ein Anrufbeantworter geschaltet.

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