Berlin : Wenn das Handy einmal klingelt

Mit immer neuen Tricks versuchen Abzocker, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen

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Wer kennt das nicht: Auf dem Handy geht eine SMS ein: „Sie haben gewonnen! Rufen Sie jetzt an!“. Es folgt eine Nummer. Die anzurufen aber kostet einen Haufen Geld – wogegen der angebliche Gewinn meist gar nicht existiert. Strafrechtlich ist den Absendern dieser Mitteilungen oft nicht beizukommen. Bisher haben die Abzocker sich innerhalb des gesetzlich Erlaubten durchgeschlängelt. Sie sind erfinderisch – und ziehen den Leuten das Geld mit immer neuen Tricks aus der Tasche. Eine andere beliebte Methode ist das ungebetene Fax: Wer ein Faxgerät hat, bekommt seitenweise Schriftstücke zugesandt. Darauf heißt es, wer diesen Service nicht mehr wolle, müsse nur die aufgedruckte Nummer anrufen, dann werde der Dienst eingestellt. Je nach Nummer kostet der Anruf bis zu 1,86 Euro pro Minute – die Zeit in der Warteschleife kann also teuer werden.

Ein weiterer Trick, der die Schwächen der Menschen effektiv ausnutzt: Das Handy klingelt nur einmal. Der Angerufene sieht die eingeblendete Nummer, ruft zurück – und findet sich als Zeuge eines Gesprächs wieder, das andere führen. Ihm wird mit Schauspielern vorgegaukelt, er lausche einer wichtigen fremden Konversation. Bei den meisten ist die Neugier stärker – mindestens anderthalb Minuten bleiben sie dran. Und kriegen die Quittung mit der Telefonrechnung.

Binnen kürzester Zeit seien in einem Nest in Bayern über 100 000 Gesprächsminuten und rund 200 000 Euro umgesetzt worden, berichtet ein Insider. Bundesweit ermitteln Staatsanwälte in diesem Themenkomplex; sie tauschen Erkenntnisse aus und haben auch Eurojust in Brüssel eingeschaltet. Eurojust ist eine Stelle der EU, die sich um die Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität kümmert. Denn die handelnden Firmen sind kunstvoll verschachtelt und über Europa verteilt. Und doch gibt es bundesweit noch kein einziges Strafurteil zu diesem Themenkomplex, wie die Staatsanwaltschaften von Berlin und München bestätigen. Immerhin ist es einigen Geschädigten gelungen, die angekündigten „Gewinne“ vor dem Zivilgericht tatsächlich einzuklagen. Am ehesten kommt bei all diesen Taten Betrug in Betracht. Aber dafür ist nach dem Strafgesetzbuch erforderlich, dass der Geschädigte über Tatsachen getäuscht wurde, und dass er aufgrund dieser Täuschung eine Vermögensverfügung vorgenommen, also Geld ausgegeben hat, zum Beispiel durch Anrufen der teuren Nummer. Das aber ist meist nicht nachzuweisen. In dem SMS-Beispiel etwa kann es sein, dass drei oder vier Botschaften nacheinander eingehen, und am Ende der vierten findet sich der Hinweis: Der Anruf kostet 1,86 Euro pro Minute. Bis dahin liest zwar kaum einer. Aber er hätte es ja lesen können. Also keine Täuschung.

Rund ums Telefon sind Tricks auf Kosten anderer besonders beliebt. Komfortabel für die Täter: Die jeweilige Telefonfirma treibt das Geld für sie ein. Die Polizei rät: Genau hinschauen ist der beste Schutz. Fast immer können die Geschädigten nämlich sehen, welche Kosten entstehen – und übersehen sie dennoch. Fatina Keilani

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