• Wenn das Handy endlos schweigt TeBe-Fußballerinnen steigen in die Bundesliga auf – bis zum Jubel vergeht eine Weile

Berlin : Wenn das Handy endlos schweigt TeBe-Fußballerinnen steigen in die Bundesliga auf – bis zum Jubel vergeht eine Weile

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Von Helen Ruwald

Warum nur klingelte dieses verdammte Handy nicht? Was, bitte, taten die da in Oberaussem? Das Spiel war gewonnen, am Spielfeldrand stand seit geraumer Zeit ein Karton mit schwarzen T-Shirts mit dem Aufdruck „Bundesliga-Aufsteiger!“, zwei riesige Blumensträuße dürsteten vor sich hin. Doch die T-Shirts durften nicht angezogen, die Blumen nicht überreicht werden. Die Fußballerinnen von Tennis Borussia, sie hatten schon gejubelt und den Sekt spritzen lassen - doch dann hatte Herr Hulsch sich zu Wort gemeldet, und nun freuten sich die Frauen und die 312 Zuschauer nur noch ganz vorsichtig. Günter Hulsch ist „Stadionsprecher und Mädchen für alles“, Disc-Jockey bei Heimspielen, und er ist der Mann mit dem Handy.

Es lag vor ihm auf dem Podest mit dem CD-Koffer und dem Mikrofon, ansonsten tat es nichts, vor allem klingelte es nicht. 4:1 hatte TeBe, der Meister der Regionalliga Nord, Victoria Gersten im dritten Aufstiegsspiel durch Tore von Karolin Thomas, Petra Feinbube, Janine Partzsch und Corinna Dumke besiegt. Doch ob der Aufstieg schon am vorletzten Spieltag gelungen war, hing davon ab, was am Nebenschauplatz Oberaussem passierte. Dort trat zeitgleich der Meister der Regionalliga West gegen TuS Niederkirchen, die Besten aus dem Südwesten, an. Ein Unentschieden oder ein Sieg der Gäste – und TeBe hätte es geschafft. „Niederkirchen führt 3:2, aber die spielen noch zwei Minuten“, rief Hulsch. Zwei Tore in zwei Minuten für die Gastgeber waren unwahrscheinlich – unmöglich waren sie nicht. Per Handy tauschten Berliner und Oberaussemer 90 Minuten lang Tore und Spielstände aus, doch die Kunde vom Abpfiff, sie kam einfach nicht.

Günter Hulsch rief schließlich selbst am Mittelrhein an und drehte noch während des Gesprächs an seiner Musikanlage herum. „We are the champions“ dröhnte es über die Sportanlage Eichkamp an der Harbigstraße – doch die Frauen in den weißen Trikots begriffen immer noch nichts. „Herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg in die Bundesliga“, brüllte Herr Hulsch. TeBe hatte es geschaftt, ebenso wie Niederkirchen.

In diesem Moment fing Gabriela Wahnschaffe, die TeBe-Trainerin, an zu weinen. Eine burschikose, resolute Frau, die nichts so schnell umhaut. Aber in diesen Sekunden entlud sich die Anspannung der letzten Wochen. „Du sitzt zu Hause mit Videos und allem Material und überlegst, wie du spielen lässt. Das ist ein Nervenkrieg. Aber du darfst es der Mannschaft nicht zeigen und musst schauspielern“, erzählte Wahnschaffe. In den letzten beiden Jahren war sie mit TeBe in der Aufstiegsrunde gescheitert – nun, mit vielen jungen Spielerinnen, die noch keine 20 sind, ist es vollbracht. „Die Jungen sind noch nicht so abgezockt, dafür aber kampfstark. Und sie wollen nicht verlieren“, sagte Wahnschaffe, die sich fühlte „wie bei einem Sechser im Lotto, wenn man zehnmal zum Schein rennt und schaut, ob man sich nicht vertippt hat“.

Sie hat sich nicht vertippt, Tennis Borussia, 1997 aus der Bundesliga abgestiegen, spielt in der kommenden Saison tatsächlich gegen den Deutschen Meister und Uefa-Cup-Sieger 1.FFC Frankfurt. Und natürlich im Derby gegen Turbine Potsdam. Potsdam I wohlgemerkt, nicht mehr Potsdam II. Um in der Bundesliga mithalten zu können, soll die eine oder andere Verstärkung geholt werden, „da ist auch der Gesamtverein gefordert, damit wir die Ablösesummen zwischen 500 und 5000 Euro zahlen können“, sagt die Trainerin. In der abgelaufenen Saison hat TeBe nur einmal verloren, in der Bundesliga werden die Niederlagen sich häufen. „Der Klassenerhalt ist möglich, alles andere ist Illusion“, sagt Spielführerin Jessica Reichow.

Tränen und Pleiten liegen in der Zukunft, gestern hat die Mannschaft erst einmal kräftig gefeiert. „Wochenlang haben die Mädchen keinen Tropfen getrunken, heute dürfen sie Alkohol trinken“, sagte Gabriela Wahnschaffe, „heute ist Ausnahmezustand.“

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