Berlin : Wenn das Moderlieschen Alarm schlägt

Das Wasserwerk Beelitzhof in Nikolassee feiert 125-jähriges Bestehen – die Fische gehen bald in Rente.

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Berlin - Weil den Berlinern das Trinkwasser zu bunt wurde, wird es seit 125 Jahren im Beelitzhof gefiltert. Am Freitag wurde in Berlins drittgrößtem Wasserwerk Jubiläum gefeiert.

Früher tranken die Menschen das Oberflächenwasser aus Havel und Spree. Weil es mit der Industrialisierung immer stärker verschmutzte, wurde die Versorgung auf Grundwasser umgestellt. Das ist stark eisenhaltig, floss deshalb bräunlich aus den Leitungen und schmeckte nach Blut. Die Bürger unterstellten dem Kaiser, er wolle sie vergiften, berichtet Jens Feddern, von den Berliner Wasserbetrieben. So wurde das Verfahren entwickelt, das geförderte Grundwasser mit Sauerstoff anzureichern und das Eisen über Sandfilter abzutrennen. Weil sich das Wasserwerk der damals noch selbstständigen Stadt Charlottenburg die Grundstücke für die heute 80 Tiefbrunnen sicherte, sind das östliche Ufer der Unterhavel und die Grunewaldseen heute ohne Bebauung.

Gerade wurde im Beelitzhof für sieben Millionen Euro eine neue Grundwasser- Belüftungsanlage eingebaut. Bis zu 160 000 Kubikmeter können hier pro Tag für die Versorgung des Berliner Südwestens gefördert werden. Riesige unterirdische Tanks gleichen das Verbrauchsgefälle zwischen Tag und Nacht aus. Sie fassen 64 000 Kubikmeter, was dem Tagesbedarf von 581 800 Berlinern entspricht.

Acht Moderlieschen garantieren die Qualität des Trinkwassers im Fischtoximeter, einem besonders überwachten Aquarium. Schwimmen die Minikarpfen zu hoch oder zu niedrig, wird Alarm ausgelöst. Denn das wäre ein Anzeichen für Giftstoffe im Wasser. Ein Fall, der bisher noch nie eingetreten ist, sagt Feddern.

Obwohl die Fische nach jeder Schicht einen sechswöchigen Erholungsurlaub antreten, müssen sie im nächsten Jahr in den Ruhestand gehen. Denn amtlich gilt das Fischtoximeter als ein dann nicht mehr zulässiger Tierversuch. Deshalb wird gegenwärtig ein Verfahren entwickelt, bei dem Bakterien und Zellen die Aufgabe der Moderlieschen übernehmen. Rainer W. During

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