Berlin : Wenn der alte Computer um milde Gaben bettelt

Henning Kraudzun

Der Medienbranche scheint es wirklich schlecht zu gehen. So schlecht, dass ein Computer vor dem Eingang der "Transmediale" im Haus der Kulturen der Welt schon betteln muss. Seine blecherne 8-Bit-Stimme singt "California Dreaming" und will das Wechselgeld der Besucher. Daneben liegt gleich die Geldschale. Mit viel Selbstironie und wenig Speicherkapazität stichelt so die Computer-Installation des Russen Alexej Shulgin gegen die Partylaune der Medienleute.

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Drinnen geht es optimistischer zu. Randall M. Packer, der US-Minister für Kunst und Technologie, schwärmt in seiner Eröffnungsrede von Visionen einer neuen Kunst. Um das zu verdeutlichen, stellt er auf seiner ersten Rede in Europa gleich eine Charta mit klangvollem Namen vor: "Die Berliner Charta zur Visualisierung." Die über tausend Zuhörer im Festsaal klatschen begeistert. Und da bereits alles gesagt ist, kann Kultursenator Thomas Flierl nur noch mit einem seiner Lieblingsthemen punkten - dem Schlossplatz. "Dort muss einfach Kunst passieren", gibt er sich kämpferisch.

Rezessionsgeplagte Gesichter sieht man auch auf der anschließenden Party kaum. Mit dem Sektglas in der Hand treten sich die geladenen Gäste gegenseitig auf die Füße. Es ist ein internationales Schaulaufen der Medienkunstleute: alles wird aufmerksam beäugt, die Stars von Zuhörern umringt und eigene elektronische Gerätschaften stolz gezeigt. Schon klappen einige Freaks inmitten des Gedränges ihre Laptops auf. So wie Steve, der im Eiltempo sein Bier leert und nebenbei verwirrende Zeichenketten in den Texteditor eingibt. "Muss noch einen Auftrag fertig machen", sagt er wie ein Roboter.

Viele haben keine Karte mehr für den Kinosaal ergattert, wo zur Premiere die ersten Wettbewerbsfilme laufen. Dennoch verpassen sie nichts und lassen sich in der "Medialounge" in große Sitzkissen fallen und zappen vor zahlreichen Monitoren das Programm des Festivals durch. Bevor Langeweile aufkommt, wird schnell über den Verlauf des weiteren Abends entschieden: "Hier gibt es nur zwei gute Clubs, das Cookies und das WMF", verrät ein Österreicher einem Kollegen. Doch der mag das kaum glauben. Sie entscheiden sich schließlich für das E-Werk. Der legendäre Club erlebt ein vorübergehende Revival.

Dort hat sich der "club-transmediale" für zwölf Tage eingerichtet. Gleich zur Eröffnung zeigen die Kuratoren selbstbewusst, wie multimedialer Protz einer längst begrabenen Technoclub-Legende neues Leben einhauchen kann. Die Halle ist in rotes und blaues Licht getaucht, vier überdimensionalen Projektionsflächen flackern. Überall blinkt und leuchtet es, auch im E-Werk sind Monitore keine Mangelware. Auf der Bühne wird elektronische Betrüblichkeit gespielt. "Dein System hat sich aufgehängt", singt Antye Greie-Fuchs mit trauriger Stimme zu vertrackten Computersounds ins Mikro. Ihre Zuhörer nicken nachdenklich.

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