Berlin : Wenn der Postmann gar nicht klingelt

Alle Jahre wieder gibt es Ärger um die Zustellung der Festpakete

Sandra Dassler

Wolfgang Bergemann hat in Lichterfelde ein renommiertes Fachgeschäft für Silberwaren und Bestecke. Am Sonnabend wartete er vergeblich auf Pakete mit bestellter Ware, die seine Kunden zu Weihnachten verschenken wollten. Kurz nach 13 Uhr machte sich Bergemann auf die Suche nach dem Paketzusteller. Als er ihn fand, bekam er Erstaunliches zu hören: Am Sonnabend würde die Post nicht (mehr) an Firmen liefern, weil die meisten da geschlossen hätten. Der Bote wusste sogar, dass Waren für Bergemann im Lager waren. Bringen könne er sie laut Anweisung aber erst am Montag.

Der Geschäftsmann war wütend und informierte die Presse. Am gestrigen Dienstag stellte Post-Sprecherin Barbara Scheil dann klar: Selbstverständlich beliefere die Post Firmen auch am Sonnabend. Hat der Paketbote seinen Vorgesetzten falsch verstanden? Oder hat er sich die wenig überzeugende Ausrede einfallen lassen, um am Sonnabend nicht ganz so spät nach Hause zu kommen?

„Als Postangestellter hat man nun mal vor Weihnachten Hochdruck“, sagt Barbara Scheil: „Aber unsere Mitarbeiter bemühen sich, allen die Weihnachtspost rechtzeitig zuzustellen und freundlich zu sein.“ Bei doppelt so vielen Brief- und dreimal so vielen Paketsendungen wie sonst ist das allerdings nicht immer einfach. Viele Berliner haben sich in den vergangenen Tagen wieder vor allem über die Paketzustellung geärgert. Obwohl sie den ganzen Tag zu Hause waren, klingelte niemand bei ihnen. Dafür fanden sie einen Benachrichtigungsschein im Briefkasten und mussten sich am nächsten Tag in die langen Abholer-Schlangen in den Postfilialen einreihen.

„Grundsätzlich klingeln unsere Zusteller mehrfach“, sagt Barbara Scheil. „Sie versuchen auch, das Paket beim Nachbarn loszuwerden. Nur wenn das nicht klappt, wird benachrichtigt.“ Das könne in Ausnahmefällen auch erst 24 Stunden später geschehen, wenn der Paketzusteller nicht an den Briefkasten komme, weil niemand die Haustür öffnet. Dann muss der Zusteller die Benachrichtigung dem Postboten mitgeben, der im Gegensatz zu ihm einen Haustürschlüssel hat.

Selbstverständlich kann man sich über die gar nicht erst versuchte Paketzustellung beschweren: In jeder Postfiliale liegen dafür Formulare bereit. Viel mehr als Frust ablassen bringt das aber nicht – bestenfalls steht Aussage gegen Aussage. Und wer will kontrollieren, ob ein Paketzusteller tatsächlich klingelte oder ob er, weil er unter Zeitdruck war und nicht in den 5. Stock laufen wollte, die Benachrichtungskarte schon vorher ausgefüllt hatte? „Ohne kleine Tricks sind die Paketmengen nicht zu schaffen“, gibt ein Postangestellter aus Mitte zu. Vor Weihnachten würde sowieso jeder auf die Post schimpfen, daran habe man sich inzwischen gewöhnt.

Für Geschäftsinhaber Wolfgang Bergemann endete der Zoff dieses Jahr versöhnlich. Postmitarbeiter brachten ihm gestern eine Flasche Wein und entschuldigten sich.

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