Berlin : Wenn der siebte Sinn versagt

Die Autofahrer waren vor dem Blitzeis gewarnt, trotzdem fuhren viele zu schnell. Die Polizei nahm 400 Unfälle auf

Volker Eckert

Bei Orkanwarnung zum Segeltörn aufbrechen? Macht eigentlich niemand. Aber bei Glatteis ins Auto steigen? Wird schon schief gehen, haben sich da am Mittwochabend offenbar viele Fahrer gedacht. Die Radios sendeten den ganzen Tag Warnungen vor Blitzeis, auch im Fernsehen wurde gewarnt. Und wer das nicht mitbekommen hatte, der merkte es spätestens auf dem Weg zum Wagen: Der Eisregen machte Berlins Straßen am Neujahrsabend spiegelglatt. Weshalb machten sich die Autofahrer dennoch auf den Weg?

Über 400 Unfälle im Laufe des Abends meldet die Berliner Polizei. Sie verliefen alle glimpflich. Die nicht gemeldeten Blechschäden seien natürlich nicht eingerechnet, sagte ein Polizeisprecher. Tödlich endete dagegen ein Unfall auf der A 2 bei Werder. Auf vereister Fahrbahn war der Fahrer so schnell, dass der Wagen sich mehrmals überschlug, nachdem er von der Straße abkam. Alle sechs Insassen aus Berlin wurden schwer verletzt, die 38-jährige Beifahrerin starb am Unfallort.

Sind die Autofahrer bei schlechtem Wetter zu leichtsinnig? Der Verkehrsexperte vom Berliner ADAC, Jörg Becker, sieht das nicht so. „Wer sich hinters Steuer setzte, hatte sicher gute Gründe“, glaubt er. Bei der Wetterlage helfe aber keine noch so gute Winterausrüstung, sondern nur langsames Fahren. Daran hätten sich nicht alle Autofahrer gehalten. Becker gibt der Stadt eine Mitschuld an der hohen Zahl der Unfälle: „Der Eisregen war lange genug angesagt, da hätte vorher mehr gestreut werden müssen.“

Zwar fuhren auch viele Busse der BVG nicht mehr, Straßenbahnen kamen wegen vereister Oberleitungen zum Stillstand. U- und S-Bahn waren aber ohne Einschränkungen unterwegs. Weshalb stiegen die Autofahrer nicht auf andere Verkehsmittel um? Die Verkehrspsychologin Doris Stengl-Herrmann überrascht das nicht. Sie beobachtet bei Autofahrern auch in anderen Situationen irrationales Verhalten. Den Grund dafür sieht sie in einem „trügerischen Sicherheitsgefühl“ hinterm Steuer. Jene, die bei Glatteis fahren, sind auch die, die eher bei Nebel zu schnell sind oder zu dicht auffahren. „Die denken immer, sie hätten alles im Griff.“

Ein weiterer schlichter Grund ist Gewohnheit. Zu Fuß zu gehen oder die U-Bahn nehmen komme für manche Leute einfach nicht in Betracht, glaubt die Psychologin. Das Auto empfänden sie dagegen als Ausdruck von Selbstbestimmtheit. Viele würden ja in Kauf nehmen, stundenlang im Stau zu stehen. „Dieselben Leute meckern, wenn der Zug zehn Minuten zu spät kommt.“

Am gefährlichsten war das Glatteis für die Fußgänger. Allein 30 Patienten wurden bis gestern Morgen mit Prellungen und Knochenbrüchen ins Urban-Krankenhaus eingeliefert. Einer von ihnen war Klaus-Dieter Bittmann aus Buckow, der in der ganzen Nacht kein Auge zugemacht hatte: Beckenprellung. Von Leichtfertigkeit wollte der Mann aber nichts wissen. Er war beim Streuen ausgerutscht.

Der nächste Wetterwechsel mit Schnee ist schon im Anmarsch. Für heute Nacht haben Meteorologen wieder einen „richtigen Kälteeinbruch“ vorhergesagt. Von dem Orkanwirbel, der in der vergangenen Nacht über Deutschland fegen sollte, würde Berlin allerdings verschont bleiben.

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