Berlin : Wenn der Wähler wandert

Wenn Parteien Stimmen zugewonnen oder verloren haben, warten Demoskopen mit Analysen auf – ein umstrittenes Verfahren

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Woher kommen die Stimmen, die die Grünen in Berlin hinzugewonnen haben? An wen hat die PDS Wählerstimmen verloren? Das Phänomen heißt Wählerwanderung. Seit rund 50 Jahren wird es nun schon erforscht – eine umstrittene Wissenschaft. Betrieben wird sie derzeit nur von zwei kommerziellen Instituten: Infratest Dimap aus Berlin und dem Institut für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung aus Kaufbeuren.

Während Infratest seine Aussagen über Wählerwanderungen nur auf Bundesebene trifft, wirbt das Institut für Wahl-Sozial- und Methodenforschung damit, die Bewegungen sogar auf Wahlkreisebene aufschlüsseln zu können. Das Zauberwort lautet „ökologische Inferenz“, ein kompliziertes statistisches Verfahren, bei dem mit den Zahlen der Wahlergebnisse zweier Bundestagswahlen gearbeitet wird. Zur Kontrolle greift man auf Umfragen zurück – im Gegensatz zu Infratest, das seine Erkenntnisse aus Wahltagsbefragungen zieht. „Da kommt es zu massiven Verzerrungen“, sagt Andreas Kohlsche, Leiter des Kaufbeurer Instituts. Bei Umfragen sagten die Befragten oft nicht die Wahrheit.

Horst Schmollinger, stellvertretender Wahlleiter, lehnt das Ermitteln von Wählerbewegungen als „unseriöse Wissenschaft“ ab. Sein Hauptkritikpunkt: der Umgang mit Bevölkerungsmobilitäten. Jeder Wahlkreis verändert sich von Wahl zu Wahl, Menschen sterben, ziehen zu oder weg. „Die Institute müssen zu viele Annahmen einfließen lassen, als dass sie zu einem exakten Ergebnis kommen könnten“, sagt Schmollinger. „Es gibt nur wenige Fälle, wo sich durch die Bevölkerungsmobilität die Struktur spürbar verändert“, entgegnet Kohlsche. Auch Richard Helmer, Geschäftsführer von Infratest, verteidigt seine Schätzgrößen: „Unsere Daten sind ziemlich hart. Man weiß, wie die Altersgruppen gewählt haben.“ Im Übrigen solle man die Ergebnisse nicht aufs Tausendstel genau nehmen. Auf die großen Ströme kommt es an. vv

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