Berlin : Wenn der Wohnungswechsel zum Drama wird

Ein Umzug wegen Hartz IV ist für Betroffene oft das Härteste am sozialen Abstieg. Die Ängste sind groß

Sandra Daßler

„Dass eine Mutter aus Angst vor einem Zwangsumzug ihre Kinder verletzt, ist sicher ein krasser Einzelfall“, sagt Johannes Jakob vom DGB-Bundesvorstand: „Dass aber viele Menschen zum Teil irrationale Befürchtungen im Zusammenhang mit den neuen Hartz-IV-Regelungen haben, wissen wir seit langem.“

Schon als im vergangenen Jahr die ersten Informationen über die Arbeitsmarktreform durchsickerten, standen die Telefone im DGB-Bundesvorstand nicht still. Und die Hauptsorge der Betroffenen war stets, dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen müssen, erzählt Johannes Jakob. Momentan nehmen die Sorgen vieler Menschen wieder zu, weil die Übergangsfristen auslaufen: Dabei sei die Berliner Politik sehr kulant, schätzt Jakob ein: „Hier werden die Mietkosten bis Ende des Jahres übernommen und es gibt besondere Schutzklauseln“ (s. unten). Warum die 44-jährige Mutter aus Reinickendorf trotzdem panische Angst vor einem Umzug hatte, sei schwer zu verstehen. Aufklärung könnte nur das zuständige Jobcenter geben. Aber dort war kein Verantwortlicher zu erreichen.

Es sei vorstellbar, dass im Callcenter jemand der Frau gesagt habe, dass ihre Wohnung zu teuer ist, sagt Hartmann Vetter, Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins. Es reiche manchmal schon der Hinweis auf die Möglichkeit, um Panik auszulösen. Vetter: „Bei dem Betroffenen bleibt nur hängen, dass er umziehen muss.“ Er kenne aber auch Fälle, in denen Jobcenter-Mitarbeiter sehr unsensibel mit dem Thema umgingen. Da viele von ihnen früher auf Arbeitsämtern beschäftigt waren und nie mit sozialen Härtefällen zu tun hatten, sei das nicht verwunderlich.

Roswitha Steinbrenner nennt eben das einen „Geburtsfehler von Hartz IV“. Die Sprecherin von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei) kennt Beispiele, wo sich Fallmanager, die dafür ausgebildet sind, mit Menschen zu arbeiten, nur noch mit Schreibkram beschäftigen. Da die Jobcenter autonom sind, können weder Senat noch die Bezirke daran etwas ändern. „Und die Mitarbeiter des sozialpädagogischen Dienstes werden immer erst eingeschaltet, wenn es zu spät ist“, sagt der Reinickendorfer Familienstadtrat Peter Senftleben (SPD). Er verweist darauf, dass die Umzugsangst im Zusammenhang mit Hartz IV massiv geschürt wurde.

Den Vorwurf bezieht Hartmann Vetter vom Mieterverein auch auf sich – und lässt ihn gelten. „Wir mussten warnen“, sagt er. „Durch Hartz IV ist eine Klientel betroffen, die nie damit gerechnet hat – Leute, oft mit guter Ausbildung, die arbeitslos werden und schon nach einem Jahr von Sozialhilfe leben müssen.“ Dass sie sich aus dem Fenster stürzen würden, wenn sie umziehen müssen, hat Vetter schon von einigen gehört. Weil sich mit der Wohnung so viel verbinde: soziale Zugehörigkeit, Kita- und Schulwechsel. Betroffene reagierten dann nicht mehr rational, so Vetter. Deshalb müsse man die Mitarbeiter der Jobcenter weiter sensibilisieren und Panikmache vermeiden.

Leicht wird das nicht. Am Tag, als die 44-Jährige ihr Kind verletzte, berichtete die Financial Times Deutschland, dass Bundesrechungshof und Bundeswirtschaftsministerium den Druck auf Länder und Kommunen erhöhen, weil zu viele Arbeitslose in zu teuren Wohnungen leben.

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