Berlin : Wenn die Angst in der U-Bahn mitfährt

Begegnungen mit aggressiven Menschen nehmen zu – die Stadt diskutiert, wie man darauf reagiert. Polizei startet Präventionswoche

Tanja Buntrock,Christian van Lessen

Der öffentliche Raum wird von immer mehr Menschen als gefährliches Gebiet wahrgenommen. Die Neuköllnerin Andrea Ramsteck hat das jüngst beim Ausführen ihres Hundes auf der Straße erlebt. Sie glaubt, sie macht alles richtig, als sie auf der Straße das Häufchen des Hundes in eine mitgeführte Tüte packt. Aber ein junger Araber, der das beobachtet, fängt unvermittelt an zu schimpfen und zu pöbeln. Es sei absolut unschicklich und „unrein“ für eine Frau, so etwas zu tun. Andrea Ramsteck fürchtet Schläge, sucht das Gespräch. „Ich weiß, dass Sie vielleicht keine Hunde mögen. Aber es ist sicher auch in Ihrem Sinn, nicht hereinzutreten.“ Der junge Mann, „der sicher auf Bambule aus war“, murrt noch ein wenig, geht dann aber seiner Wege.

Es sind alltägliche Drohszenarien, die den Bewohnern der Stadt zu schaffen machen, eine latente Angst verbreiten und das Gefühl, machtlos zu sein. „Die Räume werden enger“, sagt Markus Bräuer von der evangelischen Kirche. Kürzlich wurde der Vorsitzende der Hugenottengemeinde zusammengeschlagen. Man dürfe die Augen vor der Gewalt nicht verschließen. Sie sei ein wichtiges Thema in den Gemeinden geworden.

Andrea Ramsteck, die Schlägen entgehen konnte, ist Kommunikationsexpertin. Sie hat Erfahrungen mit der Jugendarbeit im schwierigen Neuköllner Kiez, kennt die Mentalität aggressiv wirkender – nicht nur arabisch- oder türkischstämmiger Jugendlicher. Sie weiß vom Risiko, bei Widerworten gegen provozierendes Verhalten „ein blaues Auge abzukriegen“. Aber sie glaubt an die Macht der Worte. Nur mit Sprache könnten Menschen Konflikte lösen. Sie versuche, wie kürzlich bei dem Jugendlichen, vor einem Gespräch zu erkunden, ob ein Risiko besteht. Ob der Widerpart überhaupt offen für eine Ansprache ist. Wer gegen Provokationen vorgehen wolle, müsse „selbstbewusst sein und das Standbein zeigen, für sich selbst Respekt einfordern und nicht ausländerfeindliche Floskeln los werden“. Er dürfe vor allem nicht oberlehrerhaft sein und er sollte keine Vorurteile haben.

Ursache für die Gewalt sind nach Ansicht der Kommunikationsexpertin vor allem „Armut und Verwahrlosung“. Es gebe überall Spannungen, auch zwischen Türken und Arabern, auch viele deutsche Jugendliche provozierten. Sie wolle dagegen ankämpfen, etwa mit einemProjekt „Sprachförderung im Zusammenhang mit Konfliktforschung“, das im November im Nachbarschaftsheim an der Schierker Straße startet. Kinder und Jugendliche würden dabei über das Lesen spannender Geschichten zum Sprechen und zum Diskutieren ermuntert. So lernten sie, Konflikte mit Worten zu lösen.

Die BVG,die zunehmend Gewaltbereitschaft registriert, ist auch bemüht, Konflikte zu lösen. Mit Busfahrern wird seit längerem ein „Deeskalationstraining“ veranstaltet, sicherheitshalber wurde bereits ein Kopfschutz in den Fahrerkabinen angebracht. BVG-Sprecherin Petra Reetz sagt, aus Drohungen wie „Halt die Schnauze“ sei inzwischen „Es gibt eins in die Fresse“ geworden. Nun sei Berlin zwar noch nie die höflichste Stadt der Welt gewesen, aber die BVG stelle fest, dass aus Ermahnungen schnell eine Prügelei werde, dass Leute wegen eines Fahrpreises von 2,10 Euro schon Busfahrer mit dem Totschläger bedrohten. Der öffentliche Ort werde zum Ventil einer Stimmung, die viel mit der sozialen Situation der Stadt zu tun habe. Und es ginge nicht nur um deutsche und ausländische Jugendliche – gewaltbereiter sei nach ihren Erfahrungen der „durchschnittliche deutsche Mann im Alter zwischen 30 und 50 Jahren“. Kürzlich erst habe ein solcher Familienvater, mit Frau und Kinderwagen unterwegs, dem Busfahrer beim Aussteigen zugerufen, er sei „scheiße gefahren“. Dann sei der Mann wieder eingestiegen und habe den Fahrer geschlagen.

Petra Reetz betonte, der Busfahrer sei verantwortlich für die Fahrgäste, er sollte bei Konflikten, von denen er nichts mitbekommt, angesprochen werden, um die Leitzentrale zu informieren. Doch viele Fahrgäste ärgern oder ängstigen sich still vor Provokationen, weil sie Angst vor den Folgen haben.

Doch wie geht man mit Aggression und Gewalt im öffentlichen Raum um? Genau diese Frage greift die Polizei in ihrem „Anti-Gewalt-Training“ auf. Gestern startete die „Präventionsaktionswoche“ – bis Freitag bietet die Polizei knapp 300 Veranstaltungen zum Thema Kriminalität- und Verkehrsunfallvorbeugung an (www.polizei-beratung.de). „Wir wollen mit unserer Präventionsarbeit alles dafür tun, dass unsere Mitbürger gar nicht erst Betroffene von Straftaten oder Unfällen werden“, sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch.

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