Wenn die Eltern den Freund nicht mögen : Die Schwiegermuffel

Konflikte mit den Eltern des Freundes oder der Freundin sind ein häufiger Grund für Trennungen. Was beim Kennenlernen alles schiefgehen kann.

Gerlinde Unverzagt
Augen zu und durch: Die erste Begegnung mit den Schwiegereltern ist prägend. Foto: istock
Augen zu und durch: Die erste Begegnung mit den Schwiegereltern ist prägend.Foto: istock

„Was stellen Sie sich vor, wie Sie meine Tochter ernähren werden?“, fragte Erikas Vater den 16-jährigen Jungen, der sich bei ihren Eltern vorzustellen hatte. Mit einem Anflug von Röte beschreibt die heute 48-Jährige Erika noch Jahrzehnte später das Gefühl bodenloser Peinlichkeit, das bei der Erinnerung an diesen Antrittsbesuch aufflackert.

Und auch Tanja schüttelt noch heute den Kopf, denkt sie an das erste Treffen mit den Eltern ihrer ersten Liebe zurück. „Ich hoffe doch sehr, dass du die Pille nimmst?“, perlte es schon nach wenigen Minuten des gemütlichen Kennenlernens aus dem Mund der Mutter ihres Freundes. Der Gegenantrittsbesuch ihres Freundes bei ihren Eltern verlief dann so: „Mein Vater nahm jeden Freund skeptisch ins Visier. Was er machte, was seine Eltern machten, welche Pläne er für die Zukunft habe? Das alles war ihm sehr wichtig.“ Doch immerhin hielt er mit seiner Meinung hinter dem Berg. „Er lehnte nicht ab, er fragte nur.“ Immer wieder. Als Tanja später den dritten Freund mit klaren Heiratsabsichten vorstellte, war er freundlich, höflich – und zurückhaltend. „Du kannst dich immer noch anders entscheiden,“ sagte er immer wieder und zum letzten Mal zehn Minuten vor der Trauung. „Danach schwieg er“. Sieben Jahre später entschied sie sich halt anders. Dass ihr Vater auch diese Entscheidung nicht etwa hämisch kommentiert hat, rechnet sie ihm bis heute hoch an.

Veganer, treffen auf Fleischesser. Freidenker auf Religiöse

„Es ist eine Begegnung zweier Welten, wenn verschiedene Familiensysteme aufeinandertreffen und eine gemeinsame Ebene finden müssen,“ sagt Mathias Jung, Gestalttherapeut, Philosoph und Autor aus Lahnstein, über das glatte Parkett, auf dem Familie und Freunde aufeinander treffen. „Das löst Erwartungen und Ängste aus, und beide Seiten sind gespannt wie Nato-Stacheldraht.“ Da träfen Veganer auf Fleischfresser, Freidenker auf Religiöse, lässige Lebenskünstler auf strenge Powerpaare. „Diametral entgegengesetzte Lebensstile, konträre Weltanschauungen und sehr verschiedene Erwartungshaltungen prallen aufeinander,“ umreißt er seine Erfahrungen aus der Paartherapie. Für alle Beteiligten eine Herausforderung, die nur mit Respekt vor Andersartigkeit, Takt, Diplomatie und Einfühlungsvermögen zu bewältigen sei.

Vielleicht muten auch deshalb die Fragen der Eltern des neuen Partners manchmal so irritierend an. Ob er gedient habe, muss sich wohl heute kein junger Mann mehr von einem Schwiegervater in spe fragen lassen. Doch Verhörfragen sind immer noch an der Tagesordnung. Als einen Kardinalfehler von Eltern könnte man es laut Jung bezeichnen, wenn sie nach dem ersten Kennenlernen ungebeten Ratschläge erteilen à la „Du findest einen Besseren“ oder „Die ist nichts für dich“ und eine Zeit später, wenn die Sache schiefgegangen ist, besserwisserisch mit „Das habe ich dir ja gleich gesagt!“ aufwarten. Auch beim ersten „meet and greet“ die Zähne zusammenzubeißen und schönzutun, aber sobald die Liebe in die Brüche gegangen ist, über den oder die Ex herzuziehen, geht daneben.

Es bleibt eine schwierige Übung für Verliebte wie Verwandte: Irgendwann steht die Begegnung mit der Familienbande an, manchmal in des Wortes schwärzester Bedeutung. „Wenn du wissen willst, ob es die Richtige ist, schau dir die Mutter an“, lautet eine alte Binsenweisheit. Väter sollte man da nicht ausnehmen, wenn man über deren Söhne ernsthaft nachdenkt. Und wie weiter? Wonach soll man gehen? Woran sich halten? Die Situation ist entregelt, weil keine Tradition mehr Regie führt.

Besonders Mütter haben Angst, ihre Söhne zu verlieren

Mathias Jung erläutert die üblichen Konfliktlinien so: „Beim Mann geht es in den Augen der Familie der Frau immer um die Frage, wie verlässlich ist er, welche berufliche Position hat er und wie sieht seine Vorgeschichte aus?“ So altmodisch es scheint, Väter schauten da oft immer noch sehr genau und manchmal auch sehr grimmig hin. Dabei treten sie seltener als früher wie ein gestrenges Familienoberhaupt auf, sondern als vielmehr latent eifersüchtiger, unter Trennungsangst leidender Vater, der seine geliebte Prinzessin sicher versorgt und in guten Händen wissen will.

„Schwiegermütter hingegen verlieben sich oft in ihre Schwiegersöhne“, hat der Paartherapeut beobachtet – allen grassierenden Schwiegermutterwitzen zum Trotz. Nur wenige Ehemänner ständen wirklich auf Kriegsfuß mit ihren Schwiegermüttern. Viele kommen erschreckend gut mit ihnen aus, loben ihre Kochkünste über den grünen Klee – zum Ärger der berufstätigen Ehefrauen. Die Beziehung kann sich zwar zeitweise abnutzen, aber im allgemeinen leiden Männer nicht allzu sehr unter den Müttern ihrer Freundinnen. Während Frauen, die viel eher geplagt werden, weil sie Mamas Liebling in Besitz genommen haben, kaum jemals Schwiegermutterwitze erzählen. Vielleicht, weil das alles viel zu ernst für sie ist: Schon unter günstigen Umständen gleicht das Leben im größeren Familienkreis einem Picknick in vermintem Gelände. Das Verhältnis zwischen einer jungen Frau und ihrer Schwiegermutter kann so fragil sein wie eine Seifenblase. So mancher Mutter fällt es schwer , den Sohn aus ihrer Obhut zu entlassen – besonders, wenn er sich schon früh festlegt. Eben noch hat sie sich sorgenvoll gefragt, ob er genug isst, ob er wegen seines Hustens zum Arzt gehen müsste, ob er sich in der Schule, später im Job, wohlfühlt. Und eh sie sich versieht, ist sie eine Schwiegermutter und übergibt ihren Sohn in die Hände eines Mädchens, das wahrscheinlich noch nicht einmal kochen kann.

„Mütter haben Angst, ihre Söhne zu verlieren,“ sagt Mathias Jung und zitiert einen alten Witz aus Therapeutenkreisen über den Unterschied zwischen Müttern und Piranhas. „Der Piranha lässt wieder los.“ Seltsamerweise bemerken nur wenige Söhne, wenn ihre Freundinnen von den Müttern abgeschrieben werden.

„Ich habe das Kennenlern-Wochenende im Haus meines Freundes verbracht,“ erzählt Julia. „Seine Mutter konnte mich nicht ausstehen und es war niederschmetternd, wie unhöflich sie mich behandelte. Als ich mich bei ihm beschwerte, lächelte er und erwiderte, oh ja, Mama ist eine starke Frau, eine echte Persönlichkeit, die ausspricht, was sie denkt. Gerade deshalb wird sie von allen Leuten so geliebt’“. Ende der Romanze, gerade noch rechtzeitig.

An vielen Scheidungen sind die Schwiegereltern schuld

Die Beziehung zwischen Vätern von Töchtern und deren Freunden ist mitunter ebenso schwierig – mit dem Unterschied, dass werdende Schwiegermütter eine Menge Munition zu verschießen haben, was Haushalt und Kindererziehung angeht, während ein Mann seinem Schwiegersohn – nach alter Tradition – höchstens vorwerfen kann, er sei ein schlechter Ernährer, ein schwacher Beschützer. Deshalb geht es, wenn Schwiegervater und -sohn streiten, meistens um Geld. Doch wie auch immer die Konfliktlinien verlaufen, „Mütter und Väter fragen sich, ob das wohl gut geht und potentielle Schwiegersöhne und -töchter wollen gut aufgenommen werden,“ fasst Mathias Jung zusammen. Wie in einer Ouvertüre kann das Kennenlernen durchaus bevorstehende Konflikte intonieren.

Mathias Jung warnt davor, die Strahlkraft des Auftakts zu unterschätzen: Bei der Hälfte aller Scheidungen spielen Probleme mit den jeweiligen Schwiegereltern eine gravierende Rolle. „Der familiäre Background ist ungeheuer wichtig für die Stabilität der Beziehung und wenn Kinder dazukommen, kommt es darauf an, ob man einen steinigen oder fruchtbaren Boden bereitet hat.“

Starre Regeln und Rituale, wie die Annäherung zu verlaufen hat, haben wir heute nicht mehr und das bedeutet Risiko und Chance zugleich. „Der Antrittsbesuch bei den künftigen Schwiegereltern ist eine zutiefst menschliche und private Situation, aus der man so viel mitnehmen kann,“ sagt Jan Schaumann, Stiltrainer und Experte für Benimmfragen.

In türkischen Familien gibt es klare Regeln

Levent, türkischstämmiger Berliner, müsste ihn nicht befragen. In seiner Kultur ist der Antrittsbesuch traditionell geregelt. „Die Familie des Mannes besucht die Familie der Frau. Dann wird über Gott und die Welt geredet, man lernt sich kennen“. Alles ist festgelegt. Sicher sei es auch eine Prüfung für den Kandidaten. Wenn alles gut geht, kommt es zum Bitten. Traditionell regeln das die Väter untereinander. Danach folgt eine feste Abfolge von Schritten, die durchaus spielerisch verstanden werden kann. „Am Ende wird dem Schwiegersohn in spe von den Frauen ein Mokka serviert – versaut mit Salz oder Tabasco“. Das Ganze ist ein Test: Wie wird sich der Ehemann in spe verhalten, wenn in der Küche was danebengeht? Ob er ausspuckt oder die Zähne zusammenbeißt, hart schluckt und freundlich dankt? Das macht einen Riesenunterschied für die Prognose der Ehe. Darum geht es schließlich, wenn zwei sich verlieben und irgendwann trauen, die Familien mit ins Boot zu holen.

„Es ist eine enorme Gestaltungsanforderung", fasst Mathias Jung zusammen, die wir frei sind zu nutzen: Ein neues Familienmitglied kann durchaus ein freudiges Ereignis sein. Er nennt die Mühen des Anfangs ein Stück Liebesarbeit, bei dem man nicht von vorneherein mit kritischem Blick durch die Schießscharten des Misstrauens schauen dürfe. „Die Eltern der Freunde sind ein Schatz, den es zu heben gilt, und die Freunde der Kinder sind es auch.“ Der Antrittsbesuch beeinflusse durchaus den Verlauf der gesamten Beziehung. „Den ersten Besuch vergisst keiner.“ Sätze wie „Sei herzlich willkommen“ ermöglichten es, selbst nach einer Trennung, liebevolle Beziehungen zu den Schwiegereltern aufrechtzuerhalten.

Doch auch wenn man sich die größte Mühe gegeben hat: Manche Menschen können sich einfach nicht leiden. Es kann schmerzlich sein zu erkennen, dass gerade die Mutter oder der Vater des Partners eine Abneigung gegen einen hegt.

Mathias Jung rät zu den guten alten Prinzipien der Höflichkeit, die erlauben, einander mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen, wo die Sympathie fehlt. „Wenn das wirklich der Fall ist, muss man es hinnehmen lernen.“

Die Autorin ist Mutter von vier Kinder, Sachbuchautorin und freiberufliche Journalistin. Kürzlich ist ihr Buch „Generation ziemlich beste Freunde – warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kinder loszulassen“ im Beltz-Verlag erschienen (256 Seiten)..

Dieser Text erschien auf der Familienseite im Tagesspiegel. Mehr zum Thema Familie finden Sie hier.

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