Berlin : Wenn die Gondeln Lacher tragen

Hexenkessel Hoftheater startet in die Saison

Kolja Reichert

So viel Schminke hat Berlin lange nicht gesehen, wie sie in den letzten Tagen durch die Straßen und die Wangen herunter läuft, Nationalfarben, von der Sommersonne zum Schmelzen gebracht. In den Fanmeilen wird gefeiert wie im Hexenkessel, angefeuert durch aufwändiges Technik-Brimborium. Wie sich auch mit wenigen Zutaten und etwas Schminke richtig Stimmung machen lässt, bewies am Montag das Hexenkessel Hoftheater, das an der Museumsinsel seine Saison eröffnete. Das vierköpfige Ensemble um Carsta Zimmermann brachte die Stimmung im Publikum zum freudigen Blubbern. Der Einsatz einfachster Mittel ist Konzept für das Freilufttheater, der sekundenschnelle Kostüm- und Rollenwechsel Routine. Seit zwölf Jahren spielen die Theateridealisten fast nur Shakespeare. Nun wenden sie sich auch der Commedia dell’arte zu, mit der Maskeradenkomödie „Der Diener zweier Herren“, von Carlo Goldoni, dem italienischen Theaterdichter im 18. Jahrhundert. Der glücklose Diener Truffaldino ist hin und her gerissen zwischen zwei Herren. „Zwei Fliegen, eine Klappe, das bin ich.“ Nicht wissend, dass der eine Herr eigentlich die Geliebte des anderen ist, treibt er beide an den Rande des Sprungs in den Canal Grande.

Goldoni hat den Commedia dell’arte-Figuren einst die Masken abgenommen, um offen Zeitkritik üben zu können. Um den Text für unsere Zeit noch aufzulockern und zu pointieren, hat Regisseur Jan Zimmermann ihn neu übersetzt. Da klingt auch mal Kritik an der Ökonomisierung von Liebe an. Im Vordergrund steht aber der Spaß am Kalauern. „Du tust mir Inuria!“ wird gerufen, und: „Carpe deinen Diem!“, und Gesten werden bis ins Slapstickhafte übersteigert. Hinter dem Bühnenrand gibt Theaterleiter Christian Schulz, nur mit einem Stab bewaffnet, den Trocken-Gondoliere.

Das passt in die Umgebung. Wo ist Berlin mehr Venedig als hier, an der Spreeinsel, die wie die Gondelstadt mit einem schwammigen Fundament zu kämpfen hat? Am gegenüberliegenden Ufer wird das Bode-Museum noch bis Oktober renoviert. Die Lichter der Strandbar Mitte projizieren leuchtende Wellenspiele an die Fassade. Kommenden Montag findet auf den Stufen des Museums bereits die nächste Premiere statt. Es ist wieder Shakespeare: „Der Widerspenstigen Zähmung“. Allzu zahm wird es dort wohl nicht zugehen.

Monbijoupark in Mitte, Dienstag bis Sonnabend 21.30 Uhr, ab 19. Juni auch 19.30 Uhr, Karten unter 24 04 86 50

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