Berlin : Wenn die Seele klingt

Annekatrin Looss

Das Licht ist gedämpft, es riecht nach Holz, von überall her kommt Musik. Wer bei Bernhard Deutz auf dem Klangstuhl sitzt, vergisst leicht alles rundherum. Klangstuhl, nie gehört? Das Instrument hat Bernhard Deutz erfunden. Seit zehn Jahren betreibt er seine Klangwerkstatt in Berlin, seine Aufgabe: Instrumente erfinden, die jeder spielen kann und deren Klang außerdem geradezu wohltuend wirkt.

Dieser Klangstuhl sieht aus wie ein ziemlich großer Sessel aus Holz. 64 Saiten sind längs über seine Rückseite gespannt, die gleichzeitig als Resonanzboden wirkt. Wer dort Platz nimmt, hört den Klang nicht nur, sondern nimmt ihn über den ganzen Körper auf. Der Sitzende badet geradezu im Klang, oder - ist er diesseits der Lebensmitte - denkt an Nina Hagen. Meditativ, ätherisch, so könnte man die Töne beschreiben. Sie klingen eben wie jene Sequenzen mit denen die Popdiva gern ihre Lieder beginnt - und das ist auf Dauer in der Tat entspannend. Ja, sie entführen in eine andere Welt.

Die Idee für den Klangstuhl entstand auf der Suche nach einem Instrument für die Musiktherapie, wie auch die meisten anderen Instrumente in der Deutz-Werkstatt. Das Streichrohr zum Beispiel. Das ist ein aufgeschnittenes Bambusrohr, auf das ein Resonanzboden geleimt ist, über den ein bis sechs Saiten gespannt sind - alle so gestimmt, dass Misstöne von vornherein ausgeschlossen sind. "Ich will Instrumente bauen, die nicht so schwierig zu spielen sind wie klassische Streichinstrumente, aber auch anspruchsvoller als die oft in der Musiktherapie eingesetzten Trommeln oder Xylophone", erklärt der ausgebildete Sozialpädagoge, der über einen Workshop zum Instrumentenbau kam. Instrumente, die es Menschen möglich macht, ihre Gefühle mit Hilfe der Musik auszudrücken.

Auch Säuglinge sind - dank Deutz - von dieser Erfahrung nicht ausgeschlossen. Für sie hat er zusammen mit einem Neonatologen vom Waldkrankenhaus in Spandau eine Klangwiege entwickelt. Eltern von Frühgeborenen sollten mit Hilfe dieser Wiege die Möglichkeit haben, mit ihren Kindern zu kommunizieren, indem sie die an der Unterseite der Liegefläche angebrachten Saiten anspielen. Und so gehören zum Kundenkreis der Klangwerkstatt vor allem Krankenhäuser, Einrichtungen für Behinderte und Musiktherapeuten. Aber auch Kindertagesstätten und junge Eltern haben die Instrumente von Bernhard Deutz, die man auch mieten kann, für sich entdeckt.

Deutz, der mit seinen Instrumenten schon Preise gewann, baut jedoch nicht nur Instrumente für Leute, die einer Musiktherapie bedürfen, sondern auch für jene, die mit Musik improvisieren, experimentieren oder auch meditieren wollen. Dazu müssen sie nicht unbedingt ein Instrument spielen gelernt haben. Denn jeder ist musikalisch. Davon ist Deutz, der selbst Klavier spielt und singt, überzeugt. So baut er neben kleinen Harfen und Kalimbas - das sind kleine Holzkörper, die mit Hilfe von Metallzungen zum Klingen gebracht werden - verschiedene Monochorde. Auch hier sind alle Saiten auf einen Ton gestimmt. Wer sich jedoch dieser Ein-Tönigkeit hingebe, werde entdecken, dass sich in diesem Ein-Klang der gesamte musikalische Kosmos verberge. Häufig löse der obertonreiche, nährende Klang des Monochords Gefühle absoluten Glückes oder tiefen Schmerzes aus. Während er zuhört, nickt der Besucher. Und denkt an Nina Hagen.

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