Berlin : Wenn Egon Krenz seine Haft antritt, dann in der neuen Anstalt in Hakenfelde

Hans Toeppen

Die Tischtennisplatten im Grünen sind aus Stein. Man kann sich also bewegen. Wer das nicht mag, kann sich an den Regalen der umfangreichen Bibliothek bedienen. Die Zellen heißen "Einzelunterkunft", 9,5 Quadratmeter groß. Gitter gibt es nicht. Wenn Egon Krenz, Günter Schabowski und Günter Kleiber in den nächsten Tagen die Ladung zum Strafantritt erhalten, werden sie zu einer Art von Zwangsanstalt gebeten, die ihnen in der DDR eher nicht geläufig war. Die zu mehreren Jahren Haft verurteilten Politbüromitglieder werden ihre Strafe im offenen Vollzug in Hakenfelde verbüßen dürfen.

Offener Vollzug, das ist Verzicht auf Einsperrung. Wer Arbeit hat, soll sie nicht als Folge der Verurteilung verlieren, was häufig zu den schlimmsten und sozialschädlichsten Folgen von Strafen gehört. Er darf ihr weiter nachgehen, Freigang nennt sich das. Nur die Nacht gehört dem Staat. Das Bett steht immer in Hakenfelde. Berufstätige werden dafür zur Kasse gebeten, sie müssen ihr Zimmer in Hakenfelde mit monatlich 199,75 Mark bezahlen. Dazu kommt die Verpflegung: Frühstück 78 Mark im Monat, Mittagessen 139 Mark, Abendessen ebenso.

Wer allerdings keine regelmäßige Tätigkeit hat, braucht für jeden Ausgang eine Einzelgenehmigung. Zahlen muss er für Hakenfelde dann aber nicht. Die Resozialisierungschance ist hier besonders hoch, die Absperrung vom normalen Leben so gering wie für einen Gefangenen eben möglich. Misserfolgsquote nennen die Juristen es, wenn etwas schief geht: Ein Häftling kommt zu spät zurück oder gar nicht, was allerdings weniger dramatisch ist, als es klingt, denn der Zaun um die Häuser wäre ohnehin kein echtes Hindernis.

Die Misserfolgsquote lag 1996 in Berlin bei 0,36 Prozent. Der Abteilungsleiter Strafvollzug in der Justizverwaltung, Christoph Flügge, führt das vor allem auf die genaue Auswahl der Kandidaten zurück. In Hakenfelde werden Täter untergebracht, die zu mindestens zwei Jahren Haft verurteilt worden sind, aber nicht als fluchtgefährlich gelten.

Trotzdem gibt es nicht nur statistische Ausreißer. Sie zeigen dann in "bedauerlicher Weise die Grenzen fachpsychologischer Begutachtung und der daraus zu entwickelnden Eignungsprognose", wie das nordrhein-westfälische Justizministerium vor nicht langer Zeit formuliert hat. Ihm war der Mörder Dieter Zurwehme entsprungen, der von seinem 166. Freigang nicht zurückkehrte. Er hatte kurz vor dem Ende seiner damaligen Haft außerhalb der Anstalt als Koch arbeiten dürfen und zudem regelmäßig Ausgang erhalten - ein klassischer Fall der so genannten Vollzugslockerungen, die der Wiedereingliederung des Täters dienen sollen.

Spandau-Hakenfelde ist für diesen Zweck jedenfalls eine der modernsten Anstalten Deutschlands. Die acht Häuser an der Niederneuendorfer Allee sind im Frühjahr 1998 eröffnet worden. Mit der Zufahrtsschranke und dem hohen grünen Zaun könnte die Strafanstalt auch als Kaserne durchgehen oder als Bundesbehörde. Gitter und hohe Mauern gibt es nicht. 35 Millionen hat die Anlage damals gekostet, vergleichsweise wenig. Im geschlossenen Vollzug a¡ la Tegel kosten die Sicherheits- und Überwachungseinrichten ein Vielfaches mehr, und auch die Personalkosten sind in Tegel fünf- bis sechsmal so hoch. Gefängnisse sind teuer. Jeder Häftling kostet am Tag rund 170 Mark.

248 Plätze bietet Hakenfelde. Auf dem Gelände war vorher schon eine Freigängeranstalt untergebracht, nicht die einzige in Berlin. Am Stichtag 28. Februar dieses Jahres, den die Justiz für die Statistik benutzt, saßen in Berlin genau 1244 Häftlinge im offenen Vollzug. Die Allermeisten respektieren die Haft ohne Mauern: Im ganzen Jahr 1998 gab es 63 "Entweichungen".

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