Berlin : Wenn ein Fahrgast zur Waffe greift

Böse Momente beim U-Bahnfahren – über die Angst und die Ratlosigkeit, damit umzugehen

Christian van Lessen

Wie reagieren? Die Fahrgäste, die auf dem U-Bahnhof Karl-Marx-Straße in den Zug Richtung Hermannplatz drängen, wirken hilflos. Sie fügen sich, rücken stehend im Abteil zusammen, obwohl zum Sitzen viel Platz ist. Sie schauen wütend auf den jungen, stoppelhaarigen Mann, der breitbeinig und mit vorgestelltem Fahrrad im Gang eine ganze Sitzreihe blockiert. Er sieht unfreundlich aus, hat einen schwarzen Pullover mit der Aufschrift „Böhse Onkelz“ an und wirkt, als lasse er sich nicht auf Debatten ein. Alltag in der U-Bahn.

Das sind Momente der Ohnmacht, die viele Fahrgäste rätseln lassen, ob sie sich mit ihrer Zurückhaltung richtig verhalten. Ob sie zu feige sind, zu konfliktscheu. Hat nicht gerade ein Hamburger seinen Zivilcourage im öffentlichen Nahverkehr mit dem Leben bezahlt?

Es sieht mitunter hochgefährlich aus, was sich in Bahnen und Bussen abspielt. Beispielsweise steigt kürzlich auf dem U-Bahnhof Podbielskiallee in Dahlem ein junger Mann zur Vormittagszeit in einen fast leeren Zug Richtung Warschauer Straße ein. Nur ein Mann und eine Frau sitzen sich im Abteil gegenüber. Der Dazugekommene, vermutlich deutscher Herkunft, setzt sich in einigem Abstand, holt gleich darauf einen Revolver aus der Tasche, fängt an, ihn zu polieren und in alle Richtungen zu drehen. Dann klingt es so, als ob er die Waffe lädt. Dabei summt der Mann grinsend vor sich hin.

Die Fahrgäste sehen das Gefuchtel, ihre Mienen zeigen Todesangst und Ratlosigkeit. Ist die Waffe echt? Wie soll man einen Menschen ansprechen, der vielleicht nur auf die nächste Gelegenheit wartet, loszuschießen? Bringt es was, den Alarmgriff an der Tür zu ziehen? Die Fahrgäste zählen still die Sekunden bis zur nächsten Station. Sie verständigen sich mit den Augen, so schnell wie möglich auszusteigen, den Zugführer zu alarmieren. Auf der folgenden Station Breitenbachplatz aber verlässt auch der Waffenträger den Zug. Er hat den Revolver eingesteckt, verschwindet schnell Richtung Ausgang. Zeugen, die dieses und Ähnliches erleben, werden nie völlig entspannt fahren können. Wie oft wird dieser Mann mit seiner Waffe schon im Zug gefahren sein? Oder jener, der auf der Linie 8 einen gefährlich wirkenden Dolch aus der Jackentasche zieht und genüsslich betrachtet, die Nachbarn aber in erschrecktes Schweigen versetzt. Oder der Mann, der in der U3 plötzlich eine gegenübersitzende junge Frau anschreit, sie solle ihn nicht länger so anstarren, die „dicke Sau“. Sonst bekomme sie gleich Prügel, und auch „alle Idioten ringsum“. Solche Ängste und Pöbeleien nehmen zu. Viele Fahrgäste haben sich darauf eingestellt, unvorbereitet mit Schlimmem zu rechnen und sich möglichst zurückzuhalten. Schon die Bitte an Jugendliche oder gar Kinder, die Schuhe von den Sitzen zu nehmen, kann Überwindung kosten. Gute Erfahrungen hat die BVG auf bestimmten Buslinien mit Schülerbegleitern gemacht. Sie sind von ihr und der Polizei geschult, passen auf, dass es unter Schülern nicht zu Aggressionen kommt.

Beklemmung spüren BVG-Kunden nicht nur beim Fahren. Am frühen Montagabend ist der Zugang zum Bahnhof Kottbusser Tor ein Hindernislauf, Fahrgäste müssen sich durch Pulks von Drogendealern durchkämpfen. Ein offenbar rechtsfreier Raum. Die meist verwahrlost wirkenden Männer versperren Gänge, Wachleute stehen mit maulkorb-bewehrtem Hund daneben und machen den Eindruck, als ob sie das nichts angeht. Fahrgästen vergeht angesichts diesen Anblicks jede Zivilcourage. Sie wollen nur eines – schnell weg. Ein ungutes Gefühl vermitteln auch andere Anblicke: Die jugendlichen, oft arabisch-türkischen Gruppen, die auf Bänken und Sitzen der Stationen herumlungern, oft laut streiten und Vorbeikommende anpöbeln. Oder Bettler, die durch die Züge streifen und Schimpfworte ins Abteil rufen, wenn sie kein Geld bekommen haben. Oder der Anblick des Betrunkenen, der am Montagabend auf dem Bahnhof Südstern mit zwei Bierflaschen gefährlich an der Bahnsteigkante entlangtorkelt. Kein Wartender findet sich, ihn zurückzuhalten. Es mag weniger Gleichgültigkeit sein, eher die Furcht vor rabiater Antwort.

Als Montagabend am Mehringdamm zwei sehr finster und aggressiv wirkende junge Männer ins Abteil drängen, richten sich einige Fahrgäste schon auf Ärger ein. Auf irgendeine Provokation. Aber die Männer wollen keinen Streit. „Die Fahrkarten bitte.“

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