Berlin : Wenn es Hirn regnet über dem Lebensraum, sind viele Berliner Türken entsetzt

Die Folgen des scharfen Streits zwischen Ministerpräsident Yilmaz und dem deutschen Außenminister Kinkel BERLIN (RM / Ha).Wenn der türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz im Zorn über die Osterweiterung der Europäischen Union ohne Türkei der deutschen Politik vorwirft, sie setze aus nationalem Egoismus Hitlers aggressive Lebensraum-Ideologie fort und der deutsche Außenminister Klaus Kinkel kontert "Herr, laß Hirn regnen, schließlich gibt es Köpfe genug", ist das Verhältnis gründlich gestört.Wie beurteilt man das zum Beispiel in der großen türkischen Gemeinde Berlins, zu der immerhin 175 000 Menschen zählen? Wie eine Umfrage ergab, gehen die Meinungen darüber, wer sich von den beiden nun mehr im Ton vergriffen hat - Yilamz oder Kinkel - auseinander.Nur einer ging spontan in die Offensive und empfahl Kinkel, er möge doch selbst seinen Kopf in den Hirne-Regen halten.Vorherrschend neben der Verwunderung, daß Politiker sich so unverdrossen im Ton vergreifen, ist aber die Sorge, wie es nun weitergeht in Sachen Europa.Die Türken Berlins sehen einen EU-Beitritt der Türkei offenbar als Brücke zwischen den zwei Welten, in denen die meisten von ihnen zu leben meinen.Doch sie sind auch realistisch genug, um anzunehmen, daß dies nicht allzu schnell möglich sein werde.Nicht unbedingt Hauptgesprächsthema ist der Streit, doch beschäftigt er Berliner Türken aller Schichten.Dort, wo Berlin besonders türkisch ist, geht das Leben in türkischen Dönerbuden, Reisebüros und Gemüseläden seinen gewohnten Gang."Das sind eben Politiker!" - diesen Satz bekommt man dort oft zu hören.Der Streit zwischen Yilmaz und Kinkel, er regt offenbar weder die 137 729 Türken mit türkischen Paß noch die über 25 000 mit deutschem Paß sonderlich auf.Eher schon der Hintergrund, vor dem er stattfindet.Viele der Befragten erinnern dann nachhaltig an die traditionelle Freundschaft zwischen beiden Ländern.Ob ein Beitritt zur EU nun eher ihrer alten Heimat am Bosporus oder der an der Spree Vorteile bringt, auch darüber gehen die Meinungen auseinander.Doch Dursun Yigit, der jeden Freitag abend im türkisch-deutschen Kabelfernsehen TD 1 eine politische Sendung moderiert, ist sich ganz sicher, daß nur die wenigsten begrüßten, daß Yilmaz endlich "mal so starke Worte" fand.Die meisten Zuschauer, die er in der letzten Woche selbst befragte, waren wie er entsetzt.Sie hoffen, daß die Türkei in die EU aufgenommen wird, meint er, doch kaum einer glaube, daß dies sehr schnell passieren wird."Schließlich wissen alle aus eigenem Erleben, wie unterschiedlich beide Staaten sind, und wenige nur würden verneinen, daß die Türkei Probleme mit der Demokratie hat."Unverständnis herrscht bei vielen, weil die Europäische Gemeinschaft so stark nach Osten guckt - und über die Türkei hinweg.Daß ihrer Meinung nach wirtschaftlich schwächere Länder eher als Kandidaten in Frage kommen, etwa Polen oder Tschechien, verbittert viele.Einige haben Angst, daß die Türkei dem Wettbewerb im vereinten Europa nicht standhalten kann.Ein heute arbeitsloser Händler vergleicht dies mit seinem eigenen Schicksal: Sein kleiner Gemüseladen ging in dem Moment pleite, als ein potenter großer Konkurrent auf der anderen Straßenseite aufmachte.So könnte es der Türkei im freien Wettbewerb auch ergehen.Die türkische Intelligenz der Stadt hat ein differenziertes Bild von den Hintergründen des verbalen Schlagabtausches.Der Europa-Experte Alparslan Yenal hält sich zwar für vielleicht "nicht ganz repräsentativ" für die Türken Berlins, doch auch in seinem Freundeskreis werde das Thema, allerdings jenseits der starken Worte, diskutiert.Yenal lehrt an der FU Europäische Integration.Die Wortwahl von Yilmaz, meint er, sei maßlos überzogen.Das habe er auch der Mehrzahl der türkischen Medien entnommen.Das deutsche Interesse an der Osterweiterung der EU sei legitim, darüber herrsche unter türkischen Intellektuellen Einigkeit.Der Hochschullehrer glaubt aber auch, daß sie "zutiefst enttäuscht" seien, weil sie gehofft hatten, in Deutschland einen tatkräftigen Befürworter der Heranführung der Türkei als Vollmitglied der EU zu haben.Auf den seltsamen Ausspruch Kinkels mochte Yenal nicht eingehen.Man setze auf die Diplomatie, um das Verhältnis wieder zu heilen.Diskutiert werde im Kollegenkreis vor allem, sagt er, was sich hinter der unklaren Aussage des deutschen Außenministers verberge, Heranführung der Türkei bedeute "Zollunion".Leider sei der Inhalt dieser Formel auch in Luxemburg nicht näher ausgeführt worden.Die EU habe bekanntlich "unverhältnismäßig mehr" von der Zollunion profitieren können als die Türkei.

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