• Wenn kurz nach Mitternacht zu viele Menschen ihre Elektrogeräte überprüfen, wird es zappenduster

Berlin : Wenn kurz nach Mitternacht zu viele Menschen ihre Elektrogeräte überprüfen, wird es zappenduster

Johannes Metzler

Zumindest optisch ist das Szenario berauschend: Während im Himmel über Berlin Tausende von Raketen in allen erdenklichen Farben explodieren, liegt die Stadt darunter im tiefen Dunkel. An dem befürchteten Jahrtausend-Stromausfall muss aber nicht unbedingt ein Programmfehler im Computersystem schuld sein - auch die Verbraucher selbst können die Versorgung lahmlegen. Wenn nämlich zu viele Berliner auf die Idee kämen, unmittelbar nach Mitternacht auszuprobieren, ob ihre Musikanlage, die Waschmaschine und das Bügeleisen noch funktionieren, wäre es in der Hauptstadt schnell zappenduster.

"Im Prinzip sind wir zwar sicher, dass wir den Sprung ins neue Jahrtausend schaffen", sagt Siegfried Knopf von der Bewag. Wenn da nicht die Verbraucher wären: Knopf appelliert darum an die Kunden, elektrische Geräte nicht gleich nach Mitternacht zu überprüfen, sondern "in aller Ruhe" im Laufe des Tages. Weil Strom stets in dem Moment erzeugt werden muss, in dem er verbraucht wird, berechnet die Bewag für jeden Tag des Jahres mit Hilfe der Vorjahreswerte und des Wetterberichts den voraussichtlichen Stromverbrauch in der Stadt. Wenn dieser erheblich überschritten würde, könnte im schlimmsten Fall die Versorgung zusammenbrechen. "Entscheidend ist die Gleichzeitigkeit", erklärt Knopf. "Wenn sich beispielsweise zwei Millionen Berliner zeitgleich entschließen würden, ihr Bügeleisen einzuschalten, wäre das nicht mehr beherrschbar." Eingeschaltete Haushaltsgeräte dürften von einem plötzlichen Frequenzabfall im Stromnetz allerdings keinen Schaden nehmen. Der "Ausprobier-Effekt", den die Bewag befürchtet, könnte übrigens auch das Internet treffen, falls sich die Benutzer nach Mitternacht scharenweise bei ihrem Provider einloggen.

Auch die Betreiber der Mobilfunknetze rechnen angesichts der Massenveranstaltungen in Berlin bereits jetzt mit Überlastungen, denn eine Sende- und Empfangsstation kann in der Regel nur maximal 100 Gespäche gleichzeitig bewältigen. Einen Zusammenbruch werde es aber nicht geben, sagt E-Plus-Sprecherin Denise Meggeneder. Bereits in vergangenen Jahren sei das Netz in der ersten halben Stunde des Neujahrstages an bestimmten Stellen voll ausgelastet gewesen - wer sich auf einer Großveranstaltung befand und telefonieren wollte, erhielt statt der gewünschten Verbindung ein Besetzzeichen. T-Mobil und Mannesmann werden an den wichtigsten Punkten in Berlins Mitte mobile Sende- und Empfangsstationen installieren, um zusätzliche Verbindungen zu ermöglichen.

Michael Rebstock von Viag Interkom glaubt hingegen, dass seine noch vergleichsweise wenigen Kunden mit den vorhandenen Kapazitäten auskommen. "Aber garantieren kann ich natürlich nicht, dass jeder immer telefonieren kann." Die Idee, an verschiedenen Kernpunkten der Stadt für Großereignisse wie der Love-Parade zusätzliche Sendeanlagen fest zu installieren, hält er allerdings für "kaufmännisches Harakiri". Rebstock: "Die Station würde ein- bis zweimal im Jahr benötigt, ansonsten lägen die Kapazitäten brach."

Selbst im Falle eines mitternächtlichen Stromausfalls könnte übrigens sowohl im Festnetz als auch per Mobiltelefon weiter gesprochen werden. Dafür sorgen Batterien und Notstromaggregate, über die alle Anbieter verfügen. Die Batterien, die Mannesmann an seinen Antennen angebracht hat, können ein bis zwei Stunden Stromausfall überbrücken. Die Mobilfunktochter der Telekom hat den Jahrtausendwechsel zum Anlass genommen, einige Sendeanlagen mit Notstromaggregaten nachzurüsten. Die bundesweit 22 000 Basisstationen seien jetzt im Notfall zum größten Teil unabhängig von der Steckdose.

Die Hilfsorganisationen möchten sich trotzdem nicht auf Handys verlassen. Sowohl beim Roten Kreuz als auch beim Malteser Hilfsdienst haben die Mitarbeiter zwar Mobiltelefone dabei, die Kommunikation mit der Einsatzzentrale wird aber über Sprechfunk abgewickelt. Und falls dort die Lichter ausgehen sollten, können auch hier Notstromaggregate in Betrieb genommen werden.

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