Berlin : „Wenn man mich gesehen hat, dann habe ich es wohl gemacht“

Der Mann, der Thiemo K. vor die U-Bahn stieß, erinnert sich vor Gericht an nichts

Kerstin Gehrke

Fast zügig ging der Mann mit Gehhilfen und einem Rucksack auf dem Rücken in den Gerichtssaal. Sehr aufrecht, sehr konzentriert. Nur im Vorbeigehen sah Thiemo K. in Richtung des Angeklagten. Erkannt hat er ihn sofort. Waldemar O. ist jener Mann, der ihn auf dem U-Bahnhof Zwickauer Damm angesprochen hatte. Thiemo K. aber hat „nicht wirklich was verstanden“. Kurz darauf verabschiedete er sich höflich von dem Fremden. „Da habe ich einen Schubs gekriegt“, erinnerte sich Thiemo K. gestern vor dem Berliner Landgericht. Der erste Wagen überfuhr Thiemo K., er verlor beide Unterschenkel.

Die Staatsanwaltschaft geht von einem versuchten Mord aus. Der 33-jährige O. soll Thiemo K. nach einem belanglosen Gespräch von hinten angegriffen haben. Der 23-jährige K. musste bei seiner Aussage noch einmal durchleben, was am 16. Dezember letzten Jahres gegen 19 Uhr geschah. Nur an einen Satz des Fremden kann er sich erinnern. „Nix Deutsch, nix Englisch“, habe der 35 Zentimeter größere Mann erklärt. Dann kam K’s U-Bahn Richtung Rudow. Er war auf dem Weg von seiner Ausbildung in einem Neuköllner Elektrogeschäft nach Hause zu seiner Freundin und der gemeinsamen Tochter. Plötzlich spürt er einen Stoß im Rücken. „Im Flug hat mich die U-Bahn getrofffen.“

Waldemar O. saß regungslos im Gerichtssaal. Der Spätaussiedler aus Kasachstan kam vor etwa sechs Jahren nach Berlin. Das sei für ihn zuerst nicht leicht gewesen, sagte er vor dem Landgericht. Er habe viel getrunken. Wodka, Bier oder Whisky. Auch seine drei Vorstrafen seien auf den Alkohol zurückzuführen. An dem fraglichen Tag im Dezember habe er Einkäufe erledigt und dann getrunken, weil Geld übrig geblieben sei.

Er kann sich an fünf Päckchen Kaffee erinnern, an Orangen, Kartoffeln und Zucker. Er weiß auch, dass er am Imbiss auf dem Bahnhof etwas getrunken hat. Aber daran, dass er einen Mann vor die U-Bahn geschubst haben soll, könne er sich „wirklich nicht erinnern“, übersetzte ein Dolmetscher die russische Aussage. Der Angeklagte ist 2,08 Meter groß, eine auffällige Erscheinung. Eine Frau hatte ihn am Tag nach der Tat wiedererkannt und die Polizei alarmiert. „Wenn man mich gesehen hat, dann habe ich es wohl gemacht“, sagte O. Er sei betrunken gewesen, „ich wollte das nicht, der Mann tut mir sehr, sehr Leid“.

Ein Gerichtsmediziner sagte, Thiemo K. habe „hochgradiges Glück“ gehabt, dass er noch lebt. Fast drei Monate lag er im Krankenhaus. Er läuft auf Prothesen. „Man lernt damit umzugehen“, sagte der Lehrling den Richtern. „Es muss ja gehen.“ Viele Berliner hatten Anteil an seinem Unglück genommen. Mit Hilfe von Spenden konnte die Familie in eine Parterrewohnung mit Garten ziehen. Thiemo K. hofft, dass er irgendwann ohne Krücken laufen kann und die „Schmerzen wie Stromstöße“ in den Beinen nachlassen.

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