Berlin : Wenn Radler rot sehen

Überall in der Stadt kontrolliert die Polizei in dieser Woche Radfahrer. Wer ohne intakte Beleuchtung erwischt wird, muss zahlen – auch wenn die Sonne scheint

Stefan Jacobs

Der kullerbäuchige Rennradler muss mächtig bremsen, um noch zwischen Polizeiauto und dem auf die Straße gesprungenen Beamten anzuhalten. Er ist auf dem Rückweg von seiner Trainingsrunde im Verein am Kronprinzessinnenweg – und soeben am Wittenbergplatz in eine der Radfahrer-Kontrollen geraten, die die Polizei in dieser Woche überall in der Stadt veranstaltet. Man wolle in erster Linie über Gefahren aufklären und Rotlichtsünder stellen; die technische Ausrüstung der Drahtesel sei zweitrangig, hatte die Polizeiführung angekündigt.

Der Radler schwitzt, die Sonne blendet. „Sie haben keine Beleuchtungseinrichtung an Ihrem Fahrrad“, sagt die Polizistin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Das ist ein Trainingsgerät, ich fahre nicht nachts“, erwidert der Bärtige, „hier kommt auch kein Licht dran!“ Die Polizistin will seinen Personalausweis sehen. Gerhard Thäle („mit ä wie Ärger – den haben wir ja jetzt auch!“) reicht das Dokument zusammen mit der Bemerkung „Machen Sie ’ne Anzeige und dann is’ gut!“ ins Polizeiauto. Er wird zehn Euro zahlen und sein Fahrrad – mit Klingel, Speichenreflektoren und Beleuchtung – binnen zehn Tagen auf einem Revier seiner Wahl vorzeigen müssen. Der 61-Jährige erwähnt seine Anwältin, seine Rechtsschutzversicherung, seinen Sportverein. „Ich halte bei Rot und fahre nicht wie ’n Ochsenplotz. Treibt Euer Geld woanders ein!“, verkündet er. Dann fragt er die Polizistin: „Fahren Sie auch Rad?“ Sie bejaht. „Na, vielleicht treffen wir uns mal!“, knurrt Thäle und spurtet mit seinem verkehrswidrig unbeleuchteten Rennrad durch die Mittagsglut von dannen.

Das nächste Opfer liefert Einsatzleiter Bernd Bednarek persönlich ab: eine junge Frau, die obendrein bei Rot über die Bayreuther Straße gefahren ist. Der Kommissar steckt in einem überaus publikumswirksamen Polizei-Radeldress plus Tchibo-Handschuhen und hatte hinter einer Litfaßsäule auf Ampelsünder gewartet. Dann ist er auf sein Mountainbike gesprungen und der Frau hinterhergeradelt. Sie ist mit 62,50 Euro sowie einem Punkt in Flensburg dabei und muss ebenfalls ihr nicht straßenverkehrszulassungsordnungskonformes Rennrad mit Reflektoren nachrüsten. Lächelnd lässt sie die Prozedur über sich ergehen, während hinter ihr schon der nächste Delinquent stoppen muss. Er hat ein Mountainbike vom Feinsten, aber seine Batterielampen nicht dabei, sondern nur die leeren Klemmen an Lenker und Sattel. Macht zehn Euro. „Ich finde das ganz klasse, was die hier machen“, murrt er augenrollend. Einen Augenblick lang überlegt er, ob er den Beamten erzählen soll, welch segensreiche Erfindung die auch bei Nässe und Ampelstopps funktionierenden Batterielampen sind. Er könnte ihnen auch erzählen, dass man solche Ansteckleuchten in Berlin keine zehn Sekunden unbewacht am Rad lassen kann, dass die nächste Sonnenfinsternis noch Jahre hin ist, dass ein Kernspintomograph wohl einfacher zu montieren ist als ein Dynamo-Licht am Mountainbike und viele Autofahrer ja auch… Aber nach einem halben Satz bricht er ab.

Wenn er Glück hat, drücken die Kollegen bei der Nachkontrolle ein Auge zu und dulden die Batterielampen. Wenn nicht, werden sie ihm den staubbedeckten Paragraphen vorlesen, nach dem Batterielampen nur für Rennräder unter elf Kilogramm zugelassen sind. Auf demselben Blatt steht, dass kaputte Bremsen nicht teurer sind als fehlende Beleuchtung an einem Sommertag.

Einsatzleiter Bednarek hat sich wieder hinter der Litfaßsäule auf die Lauer gelegt. Im Laufe der nächsten Stunde schnappt er weitere vier Rotlichtsünder. „Die Örtlichkeit war sehr dünn“, resümiert er anschließend. Seine Kollegen an der Kontrollstelle zählen elf geschriebene Mängelberichte und 13 Barzahler. Alles in allem, sagt die Polizistin, seien Radler einsichtiger als Autofahrer. „Irgendwie sportlicher halt.“

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