Berlin : Wenn Rambo hinterm Steuer sitzt

Drängeleien, Drohgebärden, Schläge und Messerstiche – auf Berlins Straßen geht es immer aggressiver zu Die Polizei hat sehr viel Ärger mit Migrantenkids. Für Verkehrsrichter ist „Pappe weg“ die beste Sanktion

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Die gute Nachricht zuerst: Die Zahl der Verkehrstoten in Berlin sank in den letzten zehn Jahren um mehr als die Hälfte. 2004 starben „nur“ 71 Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr, auch die Zahl der Verletzten ging zurück, und die Zahl der Unfälle selbst hat sich um ein Fünftel auf etwa 125000 verringert. Das bringt die Hauptstadt auf den zweitbesten Platz in der bundesweiten Opferbilanz. Trotzdem fuhr auch 2004 alle vier Minuten ein Funkwagen zu einem Verkehrsunfall.

 Gestiegen sei jedoch, warnte Anfang 2005 der Deutsche Verkehrsgerichtstag, der Hang zu Aggression und Gewalt. Auf Autobahnen wird gerast, gedrängelt, bis auf die Stoßstange aufgefahren, die Lichthupe betätigt. In der Stadt wird Slalom gefahren, der Mittelfinger gereckt, der Vorrat an Verbalinjurien geplündert und nicht selten getreten und geprügelt, werden Messer und sogar Pistolen gezückt. Amerikanische und britische Behörden haben das Phänomen „road rage“ (Wutausbrüche im Verkehr) inzwischen wissenschaftlich im Visier. Beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe prüft seit kurzem eine Arbeitsgruppe, ob gefährliches Fahren auf Autobahnen ein eigener Straftatbestand werden solle. Berliner Verkehrsrichter sind schon vor Jahren dazu übergegangen, „Verkehrssünder“ sehr genau auf „Charakterfestigkeit“ hin zu beobachten und bei Zweifeln Fahrverbote oder die Entziehung der Fahrerlaubnis zu verfügen.

„Der Fahrer eines Autos hat eine besondere Verantwortung“, begründete André Muhmood, Verkehrsrichter am Amtsgericht Tiergarten, vor kurzem ein Urteil. „Und dieser Fahrer hatte sich nicht unter Kontrolle und ist deshalb nicht geeignet, als Autofahrer am Straßenverkehr teilzunehmen.“ Die Sache hatte banal angefangen. Ein Radfahrer, ein kräftiger 30-Jähriger, nicht auf den Mund gefallen, und zwei Männer Anfang zwanzig in einem Auto waren an einer Kreuzung aneinandergeraten. Zuerst verbal. Dann wurde aus dem Auto gespuckt. Jetzt schrie der Radfahrer: „Stehenbleiben!“ Sie hielten tatsächlich an, der Fahrer stieg aus und ging auf den Radfahrer zu. Der stand vor dem Wagen, hatte per Handy die 110 am Ohr und wollte die Autonummer notieren. Geschubse, Gerangel, schließlich prügelten sich beide Männer aus dem Auto mit dem Radfahrer. Fazit: Nase und Lippe des Radfahrers kaputt, Veilchen und Würgemale beim Fahrer. Urteil: neun Monate Haft wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, sowie 1000 Euro Bußgeld für beide Autojünglinge. Für den Fahrer obendrein Führerscheinentzug. Er darf frühestens in zehn Monaten einen neuen machen. „Wer sich bei so einem Bagatellfall zu Gewalt hinreißen läßt und zu zweit auf einen Einzelnen losgeht“, so Richter Muhmood, „der bedarf der charakterlichen Nachreife.“

 Muhmood ist seit 1994 Richter, seit 1997 bearbeitet er ausschließlich Verkehrssachen vom Bußgeld bis zum Tötungsdelikt und versteht das auch als pädagogischen Auftrag. „Ich kann natürlich mit einem Richterspruch nicht geraderücken, was in einem Leben über Dekaden schief gelaufen ist“, weiß auch er, „aber ich versuche immer, Denkansätze zu bieten, und der Angeklagte sitzt ja vor mir und muss sich das auch anhören.“ Nach seiner Erfahrung hat „die Skrupellosigkeit, das Bedürfnis, den anderen zu verletzen“, zugenommen. Wo früher der Stärkere zufrieden über den Sieg davonfuhr, „wird heute eher nachgetreten oder drastisch gedemütigt“. Oder es gibt eine irrwitzige Umkehr der Schuldverteilung wie im Fall eines Kleinlaster-Fahrers, der im Januar 2005 einen Fußgänger auf dem Zebrastreifen leicht angefahren hatte, dann aber ausstieg und das Opfer zusammenschlug.

Straßenverkehr ist ein öffentlicher Ort, an dem die allgemein gestiegene Reizbarkeit leicht zu offener Rohheit eskaliert. Tötungsdelikte sind dabei zum Glück die absolute Ausnahme. 1994 passierte das bisher letzte. Es könnte in einem Lehrbuch über Asphalt-Rambos stehen. Sedko, ein 22-jähriger gebürtiger Mazedonier, fährt in einer Sonnabendnacht Anfang April mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Mirko aus der Disco nach Hause. Er ist stolz auf seinen weißen Lancia. Irgendwann auf der Uferstraße entlang dem Landwehrkanal merken sie, dass ihnen ein roter Golf folgt. Auf der Skalitzer ist klar, der will überholen, versucht alle möglichen Manöver. Schließlich in der Reichenberger, einer Tempo-30-Straße, rast er vorbei und bremst den Lancia aus. Es ist zwanzig nach vier. Der Golffahrer springt raus und geht mit einem Knüppel auf Sedko los. Auch die beiden Mitfahrer stürzen aus dem Golf und kommen auf sie zu. Mirko flitzt hoch in die Wohnung und will sich auch einen Knüppel holen. Der Vater ist wach. Als beide wieder auf die Straße kommen, sehen sie, wie alle drei auf Sedko einprügeln und einer von ihnen auf ihn einsticht. Sie gehen dazwischen. Mirko bekommt Stiche in Kopf und Hand ab. Inzwischen schleppt sich Sedko blutend in die Eckkneipe und stöhnt „Polizei!“ Die drei Angreifer hauen ab. Der Messerstecher  wird kurz danach in einer anderen Kneipe festgenommen, noch bevor er das bestellte Bier trinken kann. Er hat zwei Messer mit 10-Zentimeter-Klingen und schlägt wild um sich. Die beiden Mittäter erwischt es auf der Straße. Sie sind alle drei im Libanon geboren und im selben Alter wie die beiden Mazedonier. Sedko stirbt Minuten später im Krankenhaus. Er hat einen neun Zentimeter langen Messerstich links in der  Brust bis durch zum Herzbeutel.

 Neid auf das schickere Auto, Frust über zu langsames Fahren, hemmungsloses Auskosten der kräftemäßigen Überlegenheit. Was immer die Täter motiviert hat, es waren genau die Verhaltensmuster, die in Machokulturen ansozialisiert werden, deren Ausagieren in Ellbogengesellschaften belohnt wird. Die viel zu lange verdrängten Erfordernisse, die verschiedenen ethnischen Gruppen in friedlicher Koexistenz auszubilden, pfropfen sich da nur noch drauf.

Junge Erwachsene mit Migrationshintergrund sind auch im Berliner Straßenverkehr überdurchschnittlich oft Sorgenkinder, zumindest in der Beobachtung von Verkehrspolizisten. Polizeikommissar Thorsten Schleheider, seit Juni Sachbearbeiter für Verkehrsunfallprävention der Direktion 3 (Mitte-Tiergarten-Wedding) hat vorher 7 Jahre Verkehrsdienst in verschiedenen Polizeidirektionen gemacht. Ein Typ, der nüchtern und ruhig an Sachen herangeht. Man muss ein bisschen bohren, bevor er rausrückt, was ihm aufstößt. „Es gibt Gegenden, in Wedding zum Beispiel, da gehen die Leute doch aggressiver auf einen zu. Ich kann mich an eine Sache erinnern, da hat auf der Koloniestraße einer quer auf dem Radweg gestanden. Ich bin hin, und der hat gleich gezetert: ’Ich werd doch hier bloß aufgeschrieben, weil ich Ausländer bin!’ Das ist das Schlimmste, was man mir vorwerfen kann. Ich schreib den doch nicht auf, weil er eine bestimmte Hautfarbe hat. Er hat einen Fehler gemacht.“

 Sprachlos steht er bisher nur vor manchen Fahrern von Diplomatenautos. „Bei der Wahl zum Bundespräsidenten, da fährt einer einfach durch die Sicherheitssperre und sagt, er muss seinen Botschafter abholen.“ Bleibt einfach stehen und lässt sich auch von Feldjägern und empörten Zuschauern nicht von seinem hohen Ross holen.  Dreistigkeit à la „Du kannst mir jar nischt“ kennen Polizisten sonst vor allem von Radfahrern. Die verursachen zwar nur vier Prozent aller Unfälle, aber bei zwei Dritteln davon sind sie mindestens mit schuld und reagieren auf Erwischtwerden zumeist pampig bis rotzig.

Von 17400 Radfahrern, die in einer vierwöchigen Kontrolle zu ihrer eigenen besseren Sicherheit im Mai und Juni 2005  in Berlin angehalten wurden, waren über 2600 über Gehwege und durch Fußgängerzonen gebrettert, über 1200 in der falschen Richtung gefahren, über 1030 Fahrräder hatten Mängel. Wer nachts Auto fährt, weiß, was es heißt, wenn plötzlich ein Rad ohne Licht aus einer Nebenstraße geschossen kommt. Und wer alte gebrechliche Nachbarn hat, kennt deren Panik, auf dem Bürgersteig von Monaden in bunten Wurstpellen auf Rennrädern aufgescheucht zu werden und hinzufallen. Zuzüglich Oberschenkelhalsbruch mit anschließender Lungenembolie oder gleich Herzinfarkt.

 Wie groß der Anteil aggressiver, also krimineller Energie an ihrer Unfallbilanz ist, darüber führt die Berliner Polizei keine Statistik. Man muss ihn erschließen – aus  Daten über zu dichtes Auffahren und zu schnelles Rasen, über Körperverletzungen, Beleidigungen, Nötigungen, die an verschiedenen Stellen gesammelt werden. Die Berliner Autobahnpolizei hat festgestellt, dass Unfälle wegen zu schnellem Fahren 2004 um 26 Prozent zugenommen haben, und in einer einzigen Nacht im April 2005 fast 4600 Raser registriert. Dazu elfmal gefährlich dichtes Auffahren und 14 gefährliche Überholmanöver. „Geschwindigkeit kommt oft zusammen mit Alkohol“, weiß Polizeiobermeisterin Sandra Brandenburg vom Autobahndauerdienst (ADD). „Wenn einer einen grün-weißen Funkwagen mit 20-30 km/h zu viel überholt, da weiß man: zu 90 Prozent hat der getrunken.“

Fahren ohne Führerschein, ohne Versicherung, mit gefälschten Siegeln oder in geklauten Autos, mit zu viel oder ungesicherter Ladung oder pompösen Heckspoilern, die bei Tempo 100 abfliegen und dem Hintermann in die Scheibe sausen, „Handynierer“, wie sie sie nennen, die behaupten, sie haben sich bloß rasiert – das ist ihr Alltag. „Und dann haben wir immer mal wieder LKW-Fahrer“, erzählt ihr Kollege, Polizeikommissar Michael Hanke, „die holt man aus dem fließenden Verkehr raus wegen der klassischen Nötigung, und die brüllen bloß: ’Ihr Scheißbullen!’ und verbarrikadieren sich im Fahrerhaus.“ Von so einem haben sie sich Tritte eingefangen. Ein Wiederholungstäter. Er muss sein Geld jetzt anders verdienen.

„Waren es früher 120 km/h, sind es heute 150, bis zu 180 – bei erlaubten 80“, sagt Eckart Keller, der Leiter des ADD. „Die Autos sind schneller geworden und leiser.“ Die Entschuldigung, nicht gehört zu haben, wie schnell man fährt, lässt Peter Fahlenkamp nicht gelten. „Man hat auch Augen, und man hat ein Fahrgefühl.“ Er war siebzehn Jahre lang Verkehrsrichter in  Berlin, bevor er 1998 in Ruhestand ging. 500 Führerscheine hat er pro Jahr kassiert, schätzt er. „Mein Grundsatz war immer: ’Wer schlägt, fliegt raus.“ Mehr noch: Wer in eine sich hoch drehende Gewaltspirale weiter Spannung bringt, ist mitverantwortlich für deren Entladung. „Rücksichtsloses Fahren provoziert Gewalt, und wir beobachten ein ständiges Anwachsen von beidem.“ Autofahrer lassen sich zu Gedrängel hinreißen, das sie in einer Supermarktschlange nicht wagen würden. „Da ist soziale Kontrolle, da wird man sofort abgemahnt. Im Auto dagegen ist man allein und fühlt sich als King.“

 Aggressionstäter an Steuer und Lenkrad ist grundsätzlich jeder, unabhängig von Alter, Klasse, Ethnie. Dass Polizisten einen gelasseneren Blick auf zunehmende Aggressivität werfen als Richter, liegt wahrscheinlich daran, dass sie den gesamten Verkehr erleben, Richter dagegen fast ausschließlich die „schwarzen Schafe“. Die schlechte Nachricht zum Schluss aus Fahlenkamps Mund: „Auch die emanzipierte Frau nimmt die Wahrung ihrer Rechte gern in die eigenen starken Fäuste. Viele Mitbürger – deutsche wie ausländische – nehmen heute jede Einladung zum Zweikampf dankend an.“ Deshalb, sagt er, sei „Pappe weg!“ die wirksamste Sanktion, zumindest für Männer. „Man hat praktisch kein Sozialprestige mehr, man ’jilt nüscht mehr bei die Weiber’ – und das hält das Männchen nicht aus!“

 Der Mann, der Sedko erstochen hat, hat neun Jahre Haft bekommen. Und lebenslänglich Fahrverbot.

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