Berlin : Wenn Schüler sich was zusammenreimen

An der Max-Taut-Schule lernen die Jugendlichen in Gruppen – und präsentieren die Ergebnisse mit Projektor und Powerpoint

NAME

Von Claudia Keller

Schulen machen sich fit für die Zukunft – und der Tagesspiegel ist dabei. Nach dem schlechten Abschneiden Berlins bei der Pisa-Studie stellen wir Schulen vor, die Eigeninitiative und Kreativität großschreiben. Den fünften Teil unserer Serie widmen wir dem Max-Taut-Oberstufenzentrum in Lichtenberg. Die 152 Lehrer dort sind überzeugt: Das Wichtigste ist, dass Schüler lernen, sich selbstständig Wissen anzueignen und konkrete Probleme zu lösen. Die Schüler lernen in Gruppen, die Lehrer arbeiten im Team.

Die Schule: Kurz vor acht strömen Hunderte Jugendliche von der S-Bahnstation Nöldnerplatz in die Fischerstraße. 3760 Schüler gehen auf das Oberstufenzentrum Max Taut, 350 von ihnen in die Haupt- und Realschule, 400 auf die gymnasiale Oberstufe, die Mehrheit in die Berufsschule. Sie alle sitzen in denkmalgeschützten Räumen, die der Architekt Max Taut in den dreißiger Jahren entworfen hat. Die langen Gänge mit den hohen Fenstern und die Klassenzimmer mit hohen Decken wirken weitläufig und hell. EU-Gelder ermöglichen die Sanierung – selbst die Aula, die Taut für 1100 Schüler konzipierte und die seit 50 Jahren nur als Ruine existiert, wird aufgebaut.

„Einen Kunden zu gewinnen, dauert Jahre, ihn zu verlieren, Sekunden“, steht auf einem Plakat in der Berufsschule. Und deshalb lernen die künftigen Gas- und Wasserinstallateure, Heizungsmechaniker, Klempner und technischen Zeichner Theorie wie Bauzeichnen und Mathematik heute schon anhand konkreter Problemstellungen, zum Beispiel dem Anschließen eines Gaszählers.

Das Besondere: Die Schule schafft den Frontalunterricht ab. In der gymnasialen Oberstufe arbeiten die Schüler ausschließlich in Gruppen nach dem so genannten Klippert-Modell. Im Deutschunterricht sitzen an diesem Morgen 23 Zwölftklässler über einem mittelhochdeutschen Gedicht. Eine Gruppe sucht nach den Unterschieden zum heutigen Deutsch, eine andere informiert sich über den historischen Kontext, die dritte filtert das Versmaß heraus, die vierte denkt über den Inhalt nach. Nach 45 Minuten lösen sich die Gruppen auf und bilden sich neu zu „Expertenrunden“, in denen je ein Versmaßler, ein Kontextexperte, ein Inhalts- und ein Sprachexperte ihre Ergebnisse zusammentragen und zu einer Gesamtinterpretation des Gedichts verarbeiten. Das Endergebnis stellen die Expertenrunden in der nächsten Stunde mit Hilfe von Overheadprojektoren, Beamern und Powerpoint-Präsentationen vor. Zum Teil gibt die Lehrerin Materialien vor, aus denen die Schüler ihr Wissen ziehen sollen, zum Teil müssen sie selbst danach suchen, in der Bibliothek oder im Internet.

Auch die Berufsschüler arbeiten weitgehend in Gruppen, vom nächsten Jahr an zusätzlich in so genannten Lernfeldern. Das heißt, Theorie und Praxis sind während der dreieinhalbjährigen Ausbildung um „Lernsituationen“ herumgruppiert. Eine solche Situation ist zum Beispiel das Anschließen eines Gaszählers. Die Praxis zeigt der Theorie den Weg und nicht mehr umgekehrt. Dieser fächerübergreifende Unterricht erfordert, dass sich die Lehrer gründlich über die Fortschritte der Jugendlichen austauschen. Bisweilen gehen die Pädagogen auch zu zweit in die Klassen, um ihr Wissen zu einem Problem gebündelt zu vermitteln.

Schüler und Lehrer: „Bei Gruppenarbeit muss man mitdenken und wird selbstbewusster“, sagt der 17-jährige Steffen Engnath aus dem Deutschkurs. Auch das Verhältnis zu den Lehrern ändere sich: Aus dem Pauker wird einer, der die Schüler beim selbstständigen Arbeiten unterstützt. Disziplin sei kein Problem mehr, sagt Berufsschullehrer Bernd Bechtloff. Für die Lehrer bedeute die neue Methode doppelt so viel Vorbereitung und viele Fortbildungen. Denn die Schüler stellen Fragen, die im klassischen Plan nicht vorgesehen sind. Das verschlingt zusätzlich Zeit. „Aber der Stress vor der Klasse, wenn man wie ein Dompteur auftreten musste, fällt weg“, sagt Bechtloff, „das macht das Leben viel leichter.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben