Berlin : Wenn Senatoren zum Hörer griffen, lauschte die Stasi mit

Mehner/Zawatka-Gerlach

Auch Verfassungsschutz-Intrige auf Band - Akten-Verbleib unklarMehner/Zawatka-Gerlach

Die Stasi hat, wen wundert es, vor 1989 auch Telefonleitungen in West-Berlin systematisch abgehört. Wer alles im Senat belauscht wurde und ob die Akten noch existieren, kann nur vermutet werden. Nach dem Mauerfall im November 1989 wurde zunächst kolportiert, die West-Berlin betreffenden Stasi-Telefonprotokolle seien nach Bayern transportiert und dort vernichtet worden. Auf einem - nicht mehr nachvollziehbaren - Weg tauchten sie aber wieder auf, liegen vielleicht immer noch beim Landesamt für Verfassungsschutz. In einer geheimen Sitzung des Kontrollausschusses des Abgeordnetenhauses wurde im Oktober 1991 offenbar, dass die Hauptverwaltung Aufklärung im MfS rund 500 Mitarbeiter des Verfassungsschutzamtes und weitere 4500 West-Berliner ständig überwachte, deren Telefongespräche abhörte und ein fast komplettes Fotoalbum führte.

Ein exemplarischer Abhör-Fall wurde bereits 1991 öffentlich bekannt und verursachte einen politischen Skandal. Als damals Sicherheitsexperten die Akten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit auswerteten, fanden sie unter anderem die kompletten Abhörprotokolle des Telefonverkehrs zwischen dem Berliner Landesamt und dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Ohne Rücksicht auf branchenübliche Regeln wurden offenbar auch sensible Detailinformationen in telefonischen Gesprächen ausgetauscht - und die eine oder andere Intrige gesponnen.

Zum Beispiel hatte sich der CDU-Mann und Verfassungsschützer Reimar O. sehr darum bemüht, die Kollegen in Köln 1989 gegen die rot-grüne Koalition aufzuwiegeln. Die Bundesbehörde und andere Landesämter sollten die Zusammenarbeit mit dem West-Berliner Verfassungsschutz - wegen der neuen politischen Konstellation - als Sicherheitsrisiko einstufen und verweigern. Die Telefon-Mitschnitte der Stasi dokumentierten diesen Versuch der Einflussnahme eindeutig; dennoch wollte die Berliner CDU nach dem Rücktritt des rot-grünen Senats Reimar O. zum Verfassungsschutz-Chef machen. Der Versuch blieb erfolglos.

Gesteuert wurde der Lauschangriff vom Alexanderplatz aus. Oberst Artur Wenzel residierte in einer gesicherten Etage des Hauses der Elektrotechnik. Seine Männer der Stasi-Hauptabteilung XVI-II/8 werteten mitgeschnittene Telefongespräche zwischen Berlin (West) und der Bundesrepublik systematisch aus. Die Technik wurde 1976 mit Rufnummernselektierungsanlagen verfeinert. Überdies griffen die Scanner auf die Richtfunkverbindungen nach Nordwesten (Richtung Hamburg) und Westen (Richtung Hannover) zu. Zur "Herausforderung" für das MfS wurde die zunehmende Digitalisierung im Fernmeldeverkehr. Im April 1985 wurde auf Anweisung des Leiters der HA III eine Arbeitsgruppe mit dem Auftrag gebildet, eine mit der Bundesregierung vereinbarte Glasfaserverbindung von Uelzen nach West-Berlin anzuzapfen - unter Bruch des im gesamt-deutschen Abkommen vereinbarten Fernmeldegeheimnisses.

Die Lauscher unterhielten unweit der Glasfasertrasse bei Rathenow bereits einen als militärische Anlage getarnten Horchposten, der die Richtfunkverbindung der Halbstadt Richtung Hannover kontrollierte. Aus Kapazitätsgründen lief ein Teil des Fernmeldeverkehrs zwischen Berlin und dem Bund über die beiden Richtfunkstrecken. Noch vor Inbetriebnahme der Glasfaserverbindung zapfte die Arbeitsgruppe "Saphier A/2-1" im Postamt Rathenow die Lichtleitertrasse an. Dort wurden die Fasern mit westlicher Technik - die auf der Embargoliste für strategischen Güter stand - angezapft, die abzuhörenden Rufnummern vorselektiert. Fortan sprang die Bandmaschine an, wann immer im Senat jemand zum Hörer griff. Die Stasi rieb sich die Hände - bis zur Wende. Am 4. Dezember 1989 stellen Bürgerrechtler den Oberlauscher Wenzel beim Verlassen seiner Residenz am Alexanderplatz. Im Aktenkoffer des Obersten fanden sie 750 000 Mark und Goldbarren. Der wegen Diebstahls sozialistischen Eigentums Festgenommene brachte sich in der Untersuchungshaft um.

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