• Wenn Sie neu sind in der Stadt und mal wissen wollen, wie das alte West-Berlin war, dann nichts wie hin

Berlin : Wenn Sie neu sind in der Stadt und mal wissen wollen, wie das alte West-Berlin war, dann nichts wie hin

Elisabeth Binder

Grunewaldstr. 10, 10823 Berlin-Schöneberg, Telefon: 215 58 38, geöffnet: täglich ab 18 Uhr, Kreditkarten: keine AngabenElisabeth Binder

Wir saßen vielleicht fünf Minuten an unserem Tisch, vielleicht weniger, als ich plötzlich das Gefühl hatte, in einen Zeittunnel geraten zu sein. Das kann nicht allein an der Einrichtung des Restaurants Nona liegen, es hat auch etwas mit Ambiente und Ausstrahlung zu tun. Wenn Sie neu sind in der Stadt und mal wissen wollen, wie das alte West-Berlin war, dann nichts wie hin. Der hintere Raum hat so etwas Wohnzimmerhaftes, aber ich meine kein Designer-Wohnzimmer, sondern eines von älteren Leuten, die nicht zuviel Geld haben. In der Luft hängt ein leicht speckiger Holz-und-Ofen-Geruch, es gibt Weinfässer, Schmiedeeisernes und unter der Decke ein paar Rohre: kein bißchen aufgeräumt, sondern fast ein bißchen verwohnt, sicher nicht schick. Aber trotzdem ist da eine Art nostalgischer Charme. Einen Moment lang sah ich im Rückspiegel des Zeittunnels die Jetzt-Zeit. Was sind wir doch für schreckliche Yuppies geworden, so frühaufstehend-ehrgeizig-stromlinienförmig. Marmor-Maniacs. Und hier war sie wieder, die etwas schlampig-gemütliche Geborgenheit des Inseldaseins.

Die meisten Speisen kommen aus biologischem Anbau. Wer nicht völlig parkettsicher ist, wenn es um das Thema Wein geht, wird sich freuen, zu jedem Gericht eine Empfehlung zu finden. Alle Weine werden laut Karte direkt vom Winzer bezogen, die meisten aus Deutschland, einige auch aus Spanien, Chile und Frankreich.

Es gibt da auch Erzeugnisse, die man anderswo nicht ohne weiteres findet, Rieslaner zum Beispiel oder Rivaner. Für die Riesling-Spätlese Würzburger Stein, für die wir uns, vom Ambiente stimuliert, altmodischerweise entschieden, wurde sogar ein passender Bocksbeutel-Kühler hervorgekramt, was doch eigentlich für große Form spricht. Vorab gab es einen sehr guten Winzersekt für mich und einen arg rosafarbenen Campari für meinen ungewohnt friedfertigen Begleiter (5,50 DM).

Die Bedienung war sehr nett, was den Rat einschloß, die vegetarische Salatplatte als Vorspeise in einer abgespeckten Variante zu bestellen (6,50 DM). Es gab Zucchini, Gurke, diverse Blätter, Tomate, Radieschen und Mais und dazu - noch ein Zeittunnel-Kick - das Senfdressing aus meiner alten Studentenpizzeria. (Ach, was waren wir nett und unverwöhnt damals!) Da war der Radicchio-Chicoree-Salat mit Nußöl-Vinaigrette, Melone und Serrano-Schinken schon besser (15,50 DM). Die Barbarie-Entenbrust empfahl sich mit schönen getrockneten Früchten in einer eher maßvoll begabten Currysauce, dazu Basmatireis (23,50 DM). Das argentinische Rinderfilet war doch arg blutig mit einer nicht übermäßig genialen Orangen-Senf-Sauce mit getrockneten Tomaten. Das Kartoffelgratin sprach dazu: "Glaub ja nicht, daß ich frisch gekocht bin. " Schade eigentlich (34,50 DM).

Es gab im Nona nur ein einziges Dessert auf der Karte, nämlich das Mousse au Chocolat als Bestandteil des dreigängigen Menüs. Eine kleine Recherche meines süßhungrigen Begleiters förderte dann immerhin noch einen Coup Denmark zutage. Der bestand aus Vanilleeis und Schokosauce und war, wie so was eben ist. Nix Besonderes (8,50 DM).

Dafür schmeckte der Dessertwein, an den ich mich hielt, ein Pfälzer Gewürztraminer, wirklich sehr gut. Und sehr süß. Und fast tat es mir leid, daß wir dann doch irgendwann aufstehen mußten und zurückkehren in dieses perfektionistische neue, kühle Marmor-Berlin.

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