Berlin : Wenn Sisyphus mit dem Herzen denkt

Amory Burchard

Ein 16-jähriger Kosovo-Albaner von der Schulbank in Abschiebehaft genommen? "Ich habe angerufen und gesagt, sie sollen den sofort freilassen", sagt Hartwig Berger. Der scheidende migrationspolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus kann nicht fassen, dass Ehrhart Körting (SPD) die Inhaftierung Minderjähriger zulässt, obwohl sie nach einem Parlamentsbeschluss bis zur Abschiebung in Jugendheimen untergebracht werden sollen. Seit heute hat Berger kein Mandat mehr, einfach bei Körting anzurufen. Er ist nach 12 Jahren aus dem Abgeordnetenhaus ausgeschieden. 1989 wurde der habilitierte Sozialphilosoph gewählt, 1990 schied er aus, um 1991 als Nachrücker wiederzukommen.

Berger hat in dieser Zeit alle klassischen grünen Politikfelder beackert. Er war umweltpolitischer, energiepolitischer und migrationspolitischer Sprecher seiner Fraktion, außerdem vertrat er die Europapolitik und die Fusion von Berlin und Brandenburg. In der grünen Bundespolitik ist er als Sprecher des Energiepolitischen Ratschlags bekannt. Als übereifriges Arbeitstier will Berger aber nicht gesehen werden. Die Sprecherjobs habe er immer schön der Reihe nach übernommen. Sein erster Leitspruch stammt von Petra Kelly: "Mit dem Herzen denken".

Kondition hat der zierliche Berger nicht nur in endlosen Ausschusssitzungen bewiesen. Um den Teufelsberg im Grunewald als wichtiges Naherholungsgebiet zu würdigen, joggte er da hoch. Ein Jahr zuvor hatte er eine Barrikade gegen den Baubeginn errichtet - wie damals in Wackersdorf. Im Herbst 2000 nannte Berger das "eine symbolische Aktion". Aber er zeigte auch nach den wilden Jahren der Anti-Akw-Bewegung vollen Körpereinsatz. Zum Beispiel 1994 auf der Oberbaumbrücke, als er versuchte, einen Demonstranten gegen den Autoverkehr aus den Fängen von Zivilfahndern zu befreien. "Wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt" wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Und wenn heute Castorbehälter nach Gorleben rollen, soll niemand denken, Berger wäre nicht mehr dabei. Ein Erfolg der letzten Zeit: Einen Zug mit Atommüll auf der Höhe seiner Heimatstadt Uelzen für eine Minute angehalten zu haben. Berger verteidigt seine Überzeugungen gegen die Mühlsteine des politischen Tagesgeschäfts: "Das nennt man Visionen oder so."

Berliner Innensenatoren werden sich den äußerlich unscheinbaren Berger schnell gemerkt haben. Bei denen kennt der 58-Jährige kein Pardon, auch nicht, wenn sie von der SPD sind. "Bei einer grünen Regierungsbeteiligung", sagt Berger, "muss schon ein Umschwung zu Humanität in der Flüchtlingspolitik erkennbar sein." Regelmäßig besuchte Berger in den letzten Jahren die Abschiebegefängnisse, um festzustellen, wie human Berlin dort ist. Zurück aus Köpenick und Tiergarten schrieb er dem jeweiligen Innensenator einen langen Brief, den er gleich als Pressemitteilung an die Redaktionen weiterfaxte. Gestern Nachmittag kam Bergers letztes Fax: Er fordere den Innensenator auf, angesichts des beginnenden Winters einen Abschiebestopp in den Kosovo zu erlassen. Sein zweiter Wahlspruch: "Sisyphus war ein glücklicher Mann" (Albert Camus). Für die Fraktion sei das Ausscheiden "des letzten Universalgelehrten der grünen Politik" ein großer Verlust, sagt der verkehrspolitische Sprecher Michael Cramer. Für viele habe Bergers Hartnäckigkeit allerdings "oft dicht an der Nervererei" gelegen.

Über sein Privatleben äußert sich Berger diskret, aber bestimmt: "Mir war die Primärbeziehung immer wichtiger als der Beruf." Es war für ihn in Ordnung, seinen heute 27-jährigen Sohn als Hausmann zu hüten und später seine Professur in Amsterdam aufzugeben, weil das Pendeln seiner Familie nicht gut tat. Und was jetzt, am Ende seiner politischen Karriere? Enttäuscht von der Zustimmung der grünen Bundestagsfraktion zum Kriegseinsatz in Afghanistan und von Minister Trittins Atomkonsens will sich Berger mehr bei der Anti-Globalisierungbewegung Attac engagieren. Und er träumt von einem längeren Aufenthalt in Südspanien. Da will Berger nicht etwa unter Orangenblüten wandeln. Er möchte an seine Forschungsarbeit der 70er Jahre, über die Situation der Landarbeiter, anknüpfen: "Es geht um die Schattenseiten der Modernisierung."

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