Berlin : Wenn Zivilcourage lebensgefährlich wird

Die Polizei rät Bürgern davon ab, sich einzumischen, wenn ein Täter eine Waffe hat. Wegsehen muss man deswegen noch lange nicht

Tanja Buntrock

Die beiden Männer haben das getan, was die Polizei in solchen Fällen gern als „beherzt eingeschritten“ bezeichnet: Sie haben am Donnerstagnachmittag auf dem Markgrafendamm in Friedrichshain einen Räuber aus Neukölln gestellt.

Der 37-jährige Täter hatte die Inhaberin eines vietnamesischen Lebensmittelgeschäftes mit einer Waffe bedroht und Geld aus der Kasse gerissen. Doch Daniel E., 22 Jahre und Mieter über dem Laden, hörte die Hilfeschreie der Frau auf seinem Balkon. Er bat seine Freundin, die Polizei zu alarmieren und eilte dem Opfer zu Hilfe. Zusammen mit einem 47-jährigen Schlosser aus der Werkstatt nebenan gelang es, den Räuber so lange festzuhalten, bis die Polizei kam.

„Glück gehabt“, sagt Winfried Roll, der beim Landeskriminalamt für Prävention zuständig ist. Glück deshalb, weil der Täter eine Pistole dabei hatte: eine Gaswaffe, wie sich später herausstellte. „Wir empfehlen, nicht einzuschreiten, wenn ein Täter eine Waffe bei sich hat“, sagt Roll. Das könne nämlich schnell lebensgefährlich werden.

Wie beispielsweise bei der Schießerei in der Wiener Straße in Kreuzberg am Montag (siehe Kasten). Markus M., Barkeeper in der „Bar 11“, war gerade mit dem Rad auf dem Weg zum Dienst. Da sieht er, wie der Schütze Regine H. vor dem Lokal „Travolta“ erschießt. „Hey, was soll der Mist, lass das“, soll Markus M. dem Täter zugerufen haben: Schließlich sei die Frau eine so genannte „Kiez-Bekanntschaft“, wie die Polizei sagt. Dann wurde Markus M. selbst vom Rad geschossen. Drei Kugeln trafen ihn, er schwebt noch immer in Lebensgefahr.

Für den 66-jährigen Blumenhändler Kurt H. aus Lichtenberg endete der Hilfeversuch am 7. April sogar tödlich. Kurt H. wollte der Kassiererin eines Blumengroßhandels helfen: Sie war mit ihrem Geldkoffer auf dem Weg zur Sparkasse in der Bernhard-Bästlein-Straße von einem unbekannten Mann überfallen worden. Als der Blumenhändler sich einmischte, feuerte der Täter mehrmals auf ihn. Kurt H. war sofort tot.

„Das Einmischen empfindet der Täter als Bedrohung. Hat er dazu noch eine Waffe, ist er stärker und wohl zu jeder Art von Gewalt bereit. Deswegen ist es wichtig, dass Beteiligte sich Mitstreiter suchen, sofern vorhanden, und die Polizei alarmieren“, sagt Roll. Entscheidend sei, dass die Zeugen versuchen, sich sämtliche Details zu merken. Eine genaue Beschreibung helfe der Polizei hinterher, die Ermittlungen voranzubringen.

Eine Statistik darüber, wie oft Straftaten verhindert worden sind, weil Beteiligte eingegriffen haben, gibt es nicht. „Wir erfahren meist nur von Fällen, wo es schief gegangen ist. Oder aber es sind die spektakulären Fälle, wo es geklappt hat“, sagt Roll. Er glaubt nicht, dass die Bürger häufiger einschreiten oder mutiger sind als noch vor Jahren. „Immer wird es diejenigen geben, die sich trauen und spontan handeln und diejenigen, die nicht wissen, was sie tun sollen.“ Letztere seien vor allem die Zielgruppe der Polizei, denn: „Die meisten wollen helfen, wissen aber nicht wie. Unsere Schulungen vermitteln das.“

Anmeldung zum Anti-Gewalt-Training unter der Telefonnummer 4664-35044.

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