Berlin : Wenn Zwillinge zum Segen werden

Elisabeth Binder

Lilian und Esther sind zwölf Jahre alt. Wenn sie künftig in die Synagoge gehen, werden sie dort als Erwachsene gelten.

Den Zwillingen zu Ehren hatten sich Gäste aus New York und Jerusalem, Toronto, Austin/Texas, Paris und Haifa in der schönen Synagoge in der Rykestraße unterm Sternenhimmel eingefunden, um Benot-Mizwa zu feiern. „Benot“ ist auf Hebräisch die weibliche Pluralform von „Bar“, und „Bar Mizwa“ ist für jüdische Jungen so ähnlich wie Konfirmation oder Firmung für christliche. Rabbiner Chaim Rozwaski hielt dabei die Predigt, und bevor er den beiden zum Segen die Hände auf den Kopf legte, sagte er, dass sie die Krone Gottes trügen, denn sie hätten sich entschieden, die Thora zu lesen und in die Synagoge zu kommen: „Sie werden als stolze Menschen durchs Leben gehen.“ Nach dem Kiddusch, der Zeremonie, bei der Wein gesegnet wird, sangen die Mädchen mit ihren Freundinnen Lieder und lasen die Geschichte über die Vorbereitung der Geburt Samsons vor. Auf diese erste Lesung vor der Gemeinde bereiten sich jüdische Kinder lange vor.

Dann blickten sie in sehr persönlichen und sorgfältig vorbereiteten Reden auf die weit verzweigte Geschichte ihrer großen deutsch-amerikanisch-jüdischen Familie zurück, die ihre Vorfahren aus Ostpreußen in die USA geführt hat, wo sie selber jeden Sommer wunderbare sechs Ferienwochen verbringen. Ihr Vater sage immer, dass es zwischen Amerikanern und Deutschen mehr Ähnlichkeiten gebe, als man denkt, sagten sie. Da der Vater Gary Smith heißt und Chef der American Academy ist, muss er es wohl wissen. Wie stolz ein Mensch aussehen kann, konnte man bei diesem Anlass an ihm besonders gut beobachten.

Neben den Verwandten waren auch etliche nichtjüdische Berliner beim Gottesdienst dabei. Die Männer trugen Kippas, Kopfbedeckungen aus glänzendem türkisfarbenem Stoff, den die Zwillinge eigens ausgesucht hatten.

Wenn Lilian und Esther selber mal Kinder haben, wird eine solche Feier vielleicht schon wieder viel mehr Berlinern vertraut sein.

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