Berlin : Wer als erster bremst, hat verloren

WERNER SCHMIDT

"Organisierte Autorennen sind für uns kein Thema Die haben wir im Griff." Kurz und knapp ist die Stellungnahme der Polizeipressestelle. Gegen spontane Autorennen könne man nicht viel machen. Diese seien Zufallsprodukte und nicht zu kontrollieren. Die Polizei schließt aber nicht aus, daß der Unfall in der Nacht zu Montag auf der Gitschiner Straße in Kreuzberg mit einem Toten und einem Schwerverletzten auf ein solches spontanes Rennen zurückzuführen ist.

Organisierte Rennen, bei denen sich Amateurrennfahrer per Funktelefon verständigen, um ihre tiefergelegten Kisten auf einem vorher festgelegten Platz miteineinander zu messen, kann die Polizei immer wieder verhindern. Zuletzt scheiterten am vergangenen Sonntag abend etwa 70 Berliner und Brandenburger auf dem Vorplatz des Olympiastadions mit dem Versuch, ein illegales Kurzstrecken-Rennen abzuhalten. Die Polizei war rechtzeitig da.

Viel häufiger aber sind die spontanen Rennen zu beobachten, bei denen sich zwei in der Regel junge Fahrer mit ihren PS-starken Fahrzeugen zufällig an der Ampel einer Kreuzung treffen. Einer der Fahrer spielt mit dem Gaspedal, läßt seinen Motor mehrfach aufheulen, was von dem danebenstehenden Fahrer als Einladung zum Rennen aufgefaßt wird. Kaum zeigt die Ampel gelbes Licht, fahren beide mit rauchenden Reifen los - die Gneisenaustraße in Kreuzberg ist eine der beliebten Strecken wie auch die Heerstraße in Spandau und Charlottenburg. Auf beiden Strecken gab es bereits mehrere tödliche Unfälle. Während der Sommerzeit sind derartige "Stechen" häufiger auf den Straßen zu beobachten als in der kalten Jahreszeit.

Im Januar 1997 wurden bei einem solchen Rennen auf der Heerstraße sieben Menschen schwer verletzt. Ein 24jähriger BMW-Fahrer hatte die Gewalt über sein Fahrzeug verloren, war in den Gegenverkehr gerast und war mit insgesamt drei entgegenkommenden Fahrzeugen kollidiert. Nur drei Monate später starb eine 20jährige Frau bei einem solchen Rennen. Ein 28jähriger Polizeischüler hatte die Gewalt über seinen Wagen verloren und war gegen einen Baum gerast. Folge des Unfalls für ihn: Er verlor seine Stellung als Polizist, ist seither auf einem Auge blind und muß bei einem Sicherheitsdienst seinen Lebensunterhalt verdienen.

Der besondere "Kick" solcher Rennen ist für die Fahrer, daß es sich nicht um abgesperrte Straßen handelt. Ein der Polizei bekannter Treffpunkt, vom aus es die Rennstrecke Heerstraße entlangging, war lange Zeit eine Tankstelle an der Ecke Gatower Straße. Aber die geschwindigkeitsberauschten Fahrer sind sehr flexibel; häufig weichen sie auf Brandenburger Straßen aus, oder sie treffen sich in Hellersdorf/Marzahn. Auch in Rudow wurden noch vor zwei Jahren nicht selten Rennen gefahren, die häufig von einer Diskothek ausgingen.

Seit Jahren ein beliebter Treffpunkt für organisierte Beschleunigungsrennen über kurze Distanzen von 150 bis 200 Metern ist der Vorplatz des Olympiastadions. Am vergangenen Sonntag verhinderte die Polizei dort ein Kräftemessen zwischen rund 70 Fahrern und Schaulustigen und etwa 50 Fahrzeugen. Bei diesen Rennen geht es ähnlich wie bei einem Dragster-Rennen darum, möglichst zügig zu beschleunigen und den Konkurrenten abzuhängen. Häufig sind die Fahrzeuge technisch auf Vordermann gebracht, um die ganzen Möglichkeiten des Motors auszuschöpfen. Aber die wenigsten der technischen Änderungen wurden vom TÜV überprüft und im Fahrzeugschein eingetragen, so daß die Halter meist auch noch eine Anzeige wegen der unzulässigen technischen Veränderungen mit auf den Weg bekommen.

"Der Reiz war immer da"

Trauer über den toten Freund

Auf dem Mittelstreifen der Gitschiner Straße unter der Hochbahn sind mit Kreide Streifen aufgezeichnet. Sie sehen optisch wie die Fortführung der Linkskurve kurz vor der Stelle aus. Aber die Straße wird an dieser Stelle wird wieder gerade, die Streifen führen direkt zu einem Pfeiler der Hochbahn. Ramazan (16), Valon (15) und Admir (16) können immer noch nicht begreifen, was geschehen ist. Hier an dieser Stelle zwischen Prinzenstraße und Seglitzdamm haben sie mit Klassenkameraden und Freunde eine kleine Gedenkstätte für ihren "besten" Freund Vladimir M. aus Neukölln errichtet. Der sechszehnjährige saß auf dem Beifahrersitz des VW Golf eines serbischen Freundes, als der Wagen in der Nacht von Sonntag auf Montag aus bisher noch ungeklärten Gründen nach links von der Fahrbahn abkam und mit der Beifahrerseite gegen den Pfeiler der Hochbahn prallte. Regelmäßig kommen Menschen vorbei, bleiben stehen und lesen sich die Tafel durch. "Es war ein Wettrennen", sind sie sich sicher. Vladimir starb, der 19jährige Fahrer kam mit einer Prellung davon.

Beide waren vermutlich unterwegs zu einer serbischen Feier in Kreuzberg.Die Gymnasiasten Valon und Admir habe kein Verständnis für solche Aktionen, wissen aber, wie das in der Szene läuft. "Erst Blickkontakt an der Ampel, dann kurzes Absprechen mit dem Kontrahenten und dann loslegen." Für größere organisierte Rennen würden solche Typen allerdings aus Berlin rausfahren. "Als Mutprobe, um sich und anderen zu beweisen, was sie für tolle Typen sind", erklärt Ramazan. Eigentlich hätte Vladimir große Angst vor Geschwindigkeit gehabt. Daß er freiwillig mitgemacht hat, können sie sich deshalb nicht vorstellen.

Nun ist der Bautechniker Tarkan Baran (26) hinzugekommen. "Mit Mausefallen und Radarkontrollen werden die nichts erreichen", ist er sich sicher. Auch er sei als 18jähriger akut gefährdet gewesen, mit seinem 160 PS Auto - "gesponsert von Papa" - zum Raser zu werden. "Der Reiz war immer da und ich hielt mich für einen guten Fahrer", erzählt er. Bis ein unverschuldeter Unfall ihm gezeigt habe, daß das alleine nicht reiche, um auf der Straße sicher zu sein: "Die Jugendlichen müssen das begreifen, bevor sie ihren Führerschein machen", sagt er.suz

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