Berlin : Wer bietet mehr? Niemand.

Haus Schwarzenberg findet bei Auktion keinen neuen Besitzer

Stefan Jacobs

Durchs Fenster wärmt die Sonne, aber Durchzug wäre besser, um die Luft im Gerichtssaal zu verdünnen. Rund 80 Menschen haben sich am Donnerstagmorgen in den schmucklosen Raum gequetscht, um bei der Versteigerung von Haus Schwarzenberg dabei zu sein. Vor allem diejenigen, die in dem alternativen Kultur- und Medienzentrum neben den Hackeschen Höfen arbeiten, sind da. Man trägt Strubbelhaar und buntes Kopftuch zur Tarnweste, Lederhandschuhe zum T-Shirt, Wollmütze zum Sakko oder bonbonfarbene Brillen.

Ein Verein verwaltet das Haus Schwarzenberg für die Nutzer und hält die Mieten niedrig. Das Baudenkmal in der Rosenthaler Straße gehört einer zerstrittenen Erbengemeinschaft, die es zu Geld machen will. Die Richterin verliest Staaten, in denen die Erben leben: USA, Israel, Brasilien, Großbritannien, Neuseeland. Im Grundbuch stehen auch Hypotheken, etwa die über 22 Kilo Feingold bei der Schlesischen Bodenkredit-Aktienbank Breslau von 1925. Das Bezirksamt Mitte teilt mit, dass Altlasten möglich seien. Der Bezirksschornsteinfegermeister lässt ausrichten, dass alle Rechnungen bezahlt sind.

Eine halbe Stunde dauern die Formalien. Um 10 Uhr 03 beginnt die Auktion. Gesetzliche Mindestdauer: eine halbe Stunde. Mindestgebot: 1 531 217,20 Euro, die Hälfte des Verkehrswertes.

Niemand hebt die Hand. Auch nicht die Krawattenträger in der ersten Reihe, die ja von Baulöwen auf das Filetstück angesetzt worden sein könnten, wer weiß. Die Leute vom Schwarzenberg-Verein haben sich vorbereitet, Geld gesammelt, Anwälte bemüht. Sie wollen das Haus übernehmen, um die Szene zu bewahren. Gemurmel in den Reihen. Der Zeiger der Wanduhr rückt lautlos vor. Es wird immer wärmer.

Der Verein hält seine Taktik geheim. Um 10 Uhr 25 bittet das Gericht um „etwas Solidarität auch mit uns. Wir haben auch noch anderes zu tun.“ Ab 10 Uhr 27 drehen sich die Anwesenden unentwegt zur Uhr um. Um 10 Uhr 33 fordert die Richterin „letztmalig“ zum Bieten auf. Es wird mucksmäuschenstill. Noch immer rührt sich keine Hand.

Um 10 Uhr 34 bricht die Richterin das Verfahren vorläufig ab. Vereinsvorstand Henryk Weiffenbach ist erleichtert. „Klar hätten wir mitgeboten“, sagt er. „Aber das Mindestgebot war wohl zu hoch.“ Nun wird das Gericht einen zweiten Termin festlegen. Falls sich wieder kein Bieter findet, wird das Verfahren eingestellt, die Kosten trägt die Erbengemeinschaft. Später könnten die Erben auch den Preis senken. Die Zeit spielt zu Gunsten der Mieter. Fröhlich verlässt die bunte Truppe den Gerichtssaal. Durch die offene Tür weht frischer Wind herein.

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