Berlin : Wer braucht 2015 noch Papiertickets?

Der Bau in Schönefeld ist gestoppt – aber die Planer können sich keine Pause leisten

Rainer W. During

Noch ist der geplante Bau des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg International eine Zitterpartie. Erst in knapp einem Jahr will das Bundesverwaltungsgericht über die Klagen der Ausbaugegner gegen den Planfeststellungsbeschluss entscheiden. Der bis dahin geltende Baustopp lässt nur vorbereitende Arbeiten zu. Dennoch soll der von Politik und Wirtschaft dringend geforderte Single-Airport für die Hauptstadtregion Ende 2011 eröffnet werden. Theoretisch ist der BBI deshalb bereits so gut wie fertig. Zumindest in den Köpfen der Planer, die hinter verschlossenen Türen mit Hochtouren an der Festlegung der Details arbeiten. Ein Blick hinter die Kulissen.

Schönefeld, Mittelstraße, Airport-Center. „Technische Planung und Bau BBI“ steht auf dem Firmenschild der Flughafen Berlin-Schönefeld GmbH, die zwei Etagen gemietet hat. 53 Ingenieure und Architekten feilen hier an den Details des neuen Flughafens. „Terminal“, „Sonstige Gebäude“, „Schiene“, „Luftseite“ und „Landseite“ steht auf den Türschildern. Neu ist die Abteilung „Retailing“, zuständig für die Handel und Gastronomie.

Karsten Holtmann kümmert sich nicht um Flugzeuge oder Passagiere, sondern um Moorfrösche und Knoblauchkröten. Er ist verantwortlich für den Umwelt- und Naturschutz, die Steuerung der Ausgleichsmaßnahmen und die ökologische Baubegleitung. So wie das Dorf Diepensee dem geplanten Flughafen weichen musste und bereits umgesiedelt wurde, steht auch den Amphibien ein Umzug bevor. „Wir sind dabei, sie einzufangen und an Ersatzgewässern auszusetzen, die sechs bis sieben Kilometer im Umfeld liegen“, sagt Holtmann.

Am anderen Ende des Flurs ist Robert Angermann dabei, das Abfertigungsgebäude zu konfigurieren. 19 Aktenordner umfasst die Vorplanung, von der Toilette bis zur Gepäckförderanlage. Jetzt geht es in die detailliertere Entwurfsplanung. Für den Architekten oft „ein Blick in die Glaskugel“. Weil der BBI bei seiner Eröffnung zukunftsorientiert sein soll, denken die Planer bereits an das Jahr 2015.

Im Büro von Manfred Körtgen im zweiten Obergeschoss laufen alle Fäden zusammen. „Die größte Herausforderung ist, jetzt schon zu wissen, was dann gebraucht wird“, sagt der Bereichsleiter für die BBI-Planung. 2015 wird es keine Flugtickets aus Papier mehr geben. Automaten übernehmen das Check-in. Counter, vor denen die Passagiere Schlange stehen, werden dann nicht mehr gebraucht. Möglicherweise erhält jeder Fluggast einen Computerchip, auf dem alle relevanten Daten gespeichert sind. Und die klassische Passkontrolle wird durch biometrische Identifizierungsformen wie Fingerabdruck-, Augen- oder Gesichtsscanner abgelöst. Dinge, die bei der Innengestaltung des Terminals berücksichtigt werden müssen.

Eine andere Unbekannte ist die zukünftige Entwicklung des Luftverkehrs. „Werden die Billigflieger in zehn Jahren den Markt dominieren, oder wird es 2015 keine Low-Cost-Carrier mehr geben?“ Thomas Weyer, als Geschäftsführer Technik der Berliner Flughäfen oberster BBI-Planer, hat auf die selbst gestellte Frage noch keine Antwort, muss aber bis zum Jahresende eine Lösung finden. Gegenwärtig sinken die Tarife der klassischen Airlines, während sie bei den Niedrigpreis-Gesellschaften ansteigen. Möglich, dass sich daraus ein neuer Einheitsmarkt entwickelt. So ist noch offen, ob der BBI ein eigenes Niedrigpreis-Terminal erhält oder das zentrale Abfertigungsgebäude mit größeren Schenkeln ausgestattet wird.

Die „heilige Zahl“ der Planer sind die 430 Millionen Euro Eigenmittel der Flughafen-Gesellschafter Bund, Berlin und Brandenburg. Darauf fußt das Gesamtbudget von rund zwei Milliarden Euro für den neuen Airport. Manfred Körtgen wacht auch über die Vorgabe, dass beide Beträge strikt einzuhalten sind. Im Rahmen eines permanenten Risikomanagements werden drohende Probleme erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet. Entstehen an einer Stelle Zusatzkosten, müssen Lösungen gefunden werden, um das Geld an anderer Stelle wieder einzusparen, erläutert der Architekt, der vor einem Jahr nach Schönefeld kam. Zuvor hatte er das neue Terminal des Düsseldorfer Flughafens geplant und gebaut.

Um den Wasserkopf klein zu halten, wird ein Großteil der Planungsarbeiten für die einzelnen Teilbereiche an externe Firmenkonsortien vergeben. Abgerufen werden die Leistungen etappenweise je nach Genehmigungsstand. Thomas Weyer: „Wir sind immer in der Lage, die Notbremse zu ziehen.“ Die Vergabe aller Aufträge erfolgt in europaweiten Ausschreibungen. Darauf, dass dabei alles mit rechten Dingen zugeht, achtet im Rahmen eines als beispielhaft geltenden Integritätsvertrages die Antikorruptions-Organisation „Transparency International“. Deren Beobachter Peter Oettel hat im Airport-Center sein eigenes Büro.

„Unser großes Ziel ist es, zum 1. Juli 2006 mit Teilprojekten an den Markt gehen zu können“, sagt Manfred Körtgen. Entsprechend weit sind die Vorbereitungen. „Wir planen kein pompöses Terminal, sondern ein funktionales Betriebsgebäude.“ Darin soll sich auch die Region widerspiegeln. „Wir wissen jetzt schon wie es aussieht, werden es aber keinem erzählen“, betont Thomas Weyer. Veröffentlicht werden die Pläne erst nach dem Richterspruch. Eines verrät er schon: „Es wird keine goldenen Klinken geben, aber eine ansprechende Architektur.“

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