Berlin : „Wer den dicksten Arm hat, ist der Chef“

Jörg Börjesson, Ex-Bodybuilder, hat seinen Körper einst mit Anabolika vergiftet – nun reist er durchs Land und warnt Freizeitsportler vor Doping. Aber nicht alle wollen hören, was er sagt. Denn mittlerweile pusht sich jeder Siebte mit illegalen Mitteln

Marcel Burkhardt

Sie sehen ganz harmlos aus: winzige, weiße Pillen in einem braunen Fläschchen. Jörg Börjesson zeigt sie herum, vor ihm sitzen Schüler der fünften bis siebten Klasse eines Privatgymnasiums in Berlin-Charlottenburg; die Direktorin hat ihn eingeladen. „Mesteron“ steht auf dem Flaschenetikett und hauchdünn darüber: „Methyltestosteronum“. Künstliche männliche Geschlechtshormone. Börjesson, 40, Ex-Bodybuilder, hat über Jahre hinweg Tausende solcher Muskelmacher geschluckt. Er ist fast daran zerbrochen.

Jetzt erzählt er seine Geschichte immer und immer wieder, um junge Sportler vom Medikamentenmissbrauch abzuhalten. Börjesson arbeitet mit Bildern, die ihn vor, während und nach der Dopingzeit zeigen. Das erste Foto aus dem Frühjahr 1985 zeigt einen fröhlichen, fitten Jungen, 80 Kilo wohlproportioniert auf 1,80 Meter verteilt. „Das war doch okay, Mensch“, sagt Börjesson. Als 18-Jähriger war er zum Bodybuilding gekommen, weil er beim Fußball wegen seines Asthmas nicht mehr mithalten konnte.

Im Kraftsport war er erfolgreich. Börjesson arbeitete als Fitnesstrainer und wollte einen Körper wie Schwarzenegger. Er trainierte Bizeps, Trizeps, Rückenmuskulatur, Oberschenkel, Waden. Jeden Morgen mixte Börjesson einen Liter Milch mit einem halben Kilo Haferflocken, 250 Gramm Quark, zwei Bananen und jeder Menge Süßstoff. „Das hat geschmeckt wie Kleister mit Sägemehl, ekelhaft“, erinnert er sich. „Warum haben Sie’s dann gemacht?“, fragt ein Schüler. „Ich war im Leistungsrausch, besessen, muskelsüchtig!“ Doch im Spiegel sah er trotz harten Trainings das Zerrbild eines Hänflings. Bananen reichten bald nicht mehr.

Börjesson zeigt das zweite Poster. Ein massiver Typ mit Stiernacken – wie Hulk, das Monster mit übernatürlichen Kräften. „Iieeh, das sieht ja schlimm aus“, platzt ein Mädchen heraus. Ein Junge stößt seinen Sitznachbarn an und sagt: „Geile Muckis, was?!“ Börjesson wog zu dieser Zeit 110 Kilo, hatte schon hunderte Testosteronpillen geschluckt. Die synthetischen Hormone bewirkten, dass im Training Eiweiß in Muskelgewebe umgewandelt wurde. Testosteron, eines von vielen so genannten anabolen Steroiden, fördert neben dem Muskelwachstum die Knochenstabilität und baut Fett ab. Als Medikamente sind diese Steroide jedoch nicht umsonst rezeptpflichtig, und so ist der Verkauf von Anabolika als „Nahrungsergänzungsmittel“ illegal.

Befeuert vom giftigen Stoff in den Adern konnte Börjesson im Bankdrücken auf einmal 180 Kilo stemmen; seine natürlichen Kräfte hatten schon bei der Hälfte versagt. Den Stoff bekam er von einem anderen Bodybuilder, der ihm nach einem Seminar über gesunde Ernährung die ersten Pillen angedreht hatte. Börjesson bewunderte den Mann: zwei Meter, 130 Kilo, 50 Zentimeter Bizepsumfang. „Der war mein Idol. Ich wollte genauso sein wie er.“ An Risiken verschwendete er keine Gedanken. Börjesson war 19. Naiv.

Die anabolen Steroide wirbelten seinen Hormonhaushalt ordentlich durcheinander, machten ihn wagemutig, euphorisch. Er schlüpfte in Tangas, ölte den Körper ein, posierte auf Bühnen. Bei einem Regionalwettbewerb wurde er Dritter. „Da hab ich einige Leute ausgestochen, die kein Asthma hatten“, ruft er, immer noch stolz. Ende der 80er Jahre hatte Börjesson seinen Körper äußerlich zum ersehnten Kunstwerk geformt. Innen aber war er kaputt. Er litt an Magenkrämpfen, erbrach sein Essen. Eines Abends beim Training, er presste 200 Kilo mit den Beinen, spritzte das Blut meterweit aus der Nase.

Börjesson geriet in Panik und setzte endlich die Tabletten ab. Aber nun verkehrte sich die drogengemachte Euphorie in Depression. Börjesson konnte kaum noch trainieren. Andere Bodybuilder höhnten: „Du hast aber abgenommen.“ In den Ohren eines Muskelsüchtigen gibt es kaum ein brutaleres Urteil. Börjesson verlor seinen Job, machte Schulden, bekam Ärger mit der Freundin.

Dann kommt der Teil in Börjessons Geschichte, von dem er weiß, dass er die jungen Sportler am meisten erschreckt. Er erzählt von jenem Morgen vor sechs Jahren, als sein kleiner Sohn fragte: „Papa, bist du’n Mann oder ’ne Frau?“ – „Da bin ich zusammengebrochen“, sagt Börjesson. Bestimmte Formen von Männlichkeitshormonen wandeln sich mit der Zeit in Weiblichkeitshormone um. Börjesson wuchsen Brüste, die unförmig herabhingen. Er ging zum Arzt, der Knoten in den Brustdrüsen feststellte. Verdacht auf Krebs. Im März 2002 ließ er sich operieren. Die Ärzte schnitten ihm 400 Gramm beschädigtes Gewebe heraus. Auf dem OP-Tisch schwor er sich: Wenn du das hier überlebst, warnst du andere.

Jörg Börjesson ist heute der bekannteste Antidoping-Kämpfer der Bodybuilderszene. Und er ist dort nicht gerade beliebt, schon häufiger hat er Drohanrufe erhalten. Aber er macht weiter. Er betreibt die Internetseite „doping-frei.de“, spricht in Schulen, Jugendzentren und manchmal auch in Fitnessstudios. Wenn er darf. Denn was Börjesson erzählen will, wollen viele nicht hören.

Jeder siebte Fitnessstudiogänger in Deutschland dopt mit Anabolika. Das hat der Tübinger Sportmediziner und Jurist Heiko Striegel im vergangenen Jahr in einer Studie nachgewiesen. Sportler aus 115 Studios hat er erfasst. Seinen Ergebnissen zufolge nimmt jeder fünfte männliche Freizeitfitnesssportler – vom Jugendlichen bis zum Rentner – Anabolika (98,5 Prozent) oder andere leistungssteigernde Substanzen. Und jede zwanzigste befragte Frau gab an, sich zu pushen. Aber nicht nur die Studios sind ein Problem. Auch mancher Arzt spielt eine gefährliche Doppelrolle. Jeder dritte Anabolikakonsument, zeigt Striegels Studie, steht unter ärztlicher Aufsicht. Ein Mediziner, der die Szene bestens kennt und daher unerkannt bleiben möchte, sagt: „Einige Kollegen prostituieren sich regelrecht!“ Die verkaufen Anabolika, Amphetamine und Antidepressiva für viel Geld.

Der Berliner Sporthistoriker Giselher Spitzer sieht im ausufernden Handel mit gefährlichen Dopingstoffen „eine der größten Bedrohungen für unsere Gesellschaft“. Doping, sagt er, sei längst fester Bestandteil einer bizarren Jugendkultur. „Immer mehr junge Leute haben keinen Glauben in ihre eigene Stärke und greifen wie Junkies zum Stoff.“ Und auch die Pharmaindustrie sei „Teil des Problems“. Viele Pharmafirmen stellten gerade von jenen Medikamenten, die sich illegal auch als Sportdroge nutzen lassen, mehr her, als die Patienten bräuchten – eine kalkulierte Überproduktion.

Und ist der Stoff erst einmal in der Welt, mischt auch die Unterwelt mit. „Es gibt mafiöse Strukturen wie im Rauschgifthandel, die Klientel verteidigt die Schmuggelware mit Waffengewalt“, sagt Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt. Allein im ersten Halbjahr 2006 haben die Fahnder schon über eine Million verschreibungspflichtiger Arzneimittel beschlagnahmt – mehr als doppelt so viele wie im gesamten letzten Jahr; zum Großteil Anabolika. Die verbotenen Mittel kommen aus Osteuropa, Asien, aber auch aus der Türkei und Griechenland. „Da ist alles dabei von der Marke Eigenbau bis hin zu original verpackten Produkten.“ Und der Markt ist riesig: Hunderttausende Freizeitsportler haben in Deutschland Interesse an verbotenen Mitteln – und geben viel Geld dafür aus. Der Lübecker Orthopäde Carsten Boos errechnete einen Stoffbedarf von 500 Euro pro Doper und Jahr. Und die Händler verticken den Stoff für das Zehnfache des Einkaufspreises, wobei ihnen selbst bei krassen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz maximal fünf Jahre Gefängnis drohen.

Gegen die millionenschwere Doping-Branche kämpft Jörg Börjesson mit bescheidenen Mitteln. Er hat kaum Geldgeber. Die Suche nach Mitstreitern ist schwierig. Seine Briefe an Krankenkassen und Politiker bleiben meist unbeantwortet. „Die sehen das Problem des Freizeitdopings nicht“, glaubt er. Dabei kann er von den verrücktesten Fällen erzählen: von einem 50-jährigen Manager, 115 Kilo schwer, der sich mit künstlichen „little helpers“ binnen vier Wochen fit machen wollte für den Marathon. „Um es den jungen Kollegen mal so richtig zu zeigen.“ Oder: Bergsteiger, die Viagra einwerfen, weil es in großen Höhen den Lungendruck senkt und gegen Höhenkrankheit wirkt. Amateurradfahrer gieren nach mehr Ausdauer mittels Testosteron, wie Tour-Gewinner Floyd Landis. „Alte Radfahrer dopen wie bekloppt“, sagt Börjesson. Aber vor allem bereiten ihm die Jungen Sorgen, die Dopingmittel fürs Schaulaufen auf der Straße nehmen. „Wer den dicksten Arm hat, ist der Chef.“ Warnungen ignorieren sie.

Börjesson erlebt jeden Tag, dass man sich schon als 40-Jähriger wie ein Greis fühlen kann. Seine Hände, die so stark wirken, können kaum noch zupacken. Die Haut an der operierten Brust spannt zu stark, könnte schon beim Heben geringer Gewichte reißen. Nach seinem Vortrag in der Schule ruht Börjesson in einer Bäckerei aus, trinkt eine Tasse Kaffee, isst ein Gebäckstück. Kaum hat er runtergeschluckt, kneift er die Augen zusammen, hält die linke Hand an den Bauch. Sein Magen schmerzt. Er klagt nicht. Er schaut einigen Jungen beim Ballspiel zu. Ihm hat der Arzt den Sport verboten.

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